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Montag, 7. April 2014

Was Theater von Serien lernen kann

Nein, eine Bühnenfassung von "Lost" wird es vorerst nicht geben. Was das Theater von Serien lernen könnte, ob das überhaupt geht – und wenn ja, was genau, und was das mit ihrem aktuellen Stück „Previously On“ in der Garage X zu tun haben könnte, erklärt uns die Dramatikern Gerhild Steinbuch.

Bild: previouslyon-4_Kopie.jpg
"Previously On" BILD: Yasmina Haddad

Gerhild Steinbuch ist Dramatikerin, 1983 in Mödling geboren und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, ihre Stücke quer im deutschen Sprachraum gespielt, aber auch ins Englische übersetzt. Gerade ist sie wieder in Wien um ihre neue Arbeit „Previously On“ vorzubereiten, bei der sie neben Philine Rinnert und Sebastian Straub auch selbst als Performerin mitwirken wird.
Mitten im Endprobenstress haben wir sie getroffen, um mir ihr über Dinge zu reden für die sie im Moment (Endprobenstress!) sicher keine Zeit hat: Serien. Grund dafür ist nicht etwa ausgeprägter Sadismus unsererseits, den es natürlich auch gibt, sondern der Titel ihres neuen Stücks: „Previously On“. Wie der Titel nahe legt, könnte das nämlich auch was mit Serien zu tun haben. Was genau das sein könnte, verrät sie uns im Laufe des Gesprächs.

Wenn man deine Biographie betrachtet, fällt auf, dass sich da recht viele Stipendien, quasi in Serie, aneinanderreihen. Ist diese Episodenhaftigkeit etwas, dass das künstlerische Arbeiten überhaupt auszeichnet?
Man arbeitet ja immer episodenhaft, da man immer von Projekt zu Projekt arbeitet. Grundlegende Themen ziehen sich durch mehrere Projekte, Figuren lassen einen dann auch nicht so schnell los und tauchen in unterschiedlichen Konfigurationen in unterschiedlichen Produktionen wieder auf..

Was sind deine zentralen Themen?
Mich interessieren Übergriffigkeiten. Also im verbalen Sinn. Wo Sprache übergriffig wird und was aus einem heraus, was aus der Sprache spricht. Welche Strukturen stecken da drin, welche Macht. Daher suche ich mir unterschiedliche Szenarien, in denen ich dazu arbeiten kann.

Zeit zum Serienschauen hast du dann aber selber wohl weniger?
Also ich schau schon sehr gern Serien. In letzter Zeit jetzt nicht so viel, aber im Moment bin ich bei "Homeland" gerade ganz gut drinnen. Das mag ich auch ganz gern, weil das auch nicht so zuverlässig ist. Man glaubt immer es gibt eine gesicherte Struktur, aber die gibt es dann gar nicht. 

Und was sind deine Alltime-Favourites?
Ich habe ein bisschen einen Superhelden-Fimmel. Das wird man dem Abend auch ein wenig anmerken. Ich mag die erste Batman-Serie. Sowohl im Original, als auch in der Synchronfassung. Sonst natürlich auch noch "Buffy" oder "Twin Peaks". 

Twin Peaks finden ja irgendwie alle gut. Das muss man ja schon fast nicht mehr sagen. Bei Buffy gibt‘s da mehr Angriffsflächen ...
… was ich aber gar nicht verstehen kann. Zumindest dann, wenn man es im englischen Original schaut. Die haben es geschafft eine Serie für ein wahnsinnig großes Publikum, das einfach unterhalten werden will, zu machen und gleichzeitig eine zweite Ebene für ein Nischenpublikum einzuziehen. Die gehen auch toll mit dem Format um. Welche Frauenfiguren die haben und wie sich Teenager-Probleme in die Dämonenwelt hineinspiegeln, find ich großartig. Dann gibt es auch noch diese tolle Musicalfolge ...  Es gibt ja auch einen großartigen Essay von Dietmar Dath über Buffy.
 
Gibt es dann etwas, das du von diesen Serien fürs Theater mitnimmst?
Ich finde eher die Serien interessant, die sich nicht vor allem darum drehen einer Figur über eine bestimmte Strecke zu folgen, sondern bei denen die klassische Erzählstruktur die Folie für etwas anderes bildet. Ich mag etwa "Mad Men" sehr gern, weil es immer behauptet in einer längst vergangenen Zeit zu spielen aber viele der politischen Aspekte in der Handlung sind Referenzen auf das tagespolitische Geschehen der Gegenwart. Das finde ich interessant: dass dir etwas erzählt wird, aber damit gleichzeitig auch noch etwas ganz anderes. Konventionelle Geschichten als Folie zu verstehen. Das ist vielleicht auch etwas, was wir in das aktuelle Projekt mitgenommen haben.

Ist diese Vielschichtigkeit von Texten, wie etwa klassischerweise bei Shakespeare, wo der Text für unterschiedliche Zielgruppen funktioniert, etwas wo aktuelle Serien Theater überlegen sind?
Serien haben halt konsequent ihre Dramaturgie weitergedacht. Manchmal hab ich im Theater das Gefühl, dass man versucht einzelne Formate eins-zu-eins zu übernehmen, anstatt sich mit den Qualitäten des eigenen Mediums zu beschäftigen. Ich glaube, man muss versuchen am Medium konsequent weiterzudenken, anstatt blind das eine aufs andere zu übertragen. 

Kann man sich von Serien etwas in Punkto Erzählen abschauen oder muss man im Theater aufgrund des viel knapperen, zeitlichen Rahmens sowieso anders erzählen?
Man muss vielleicht anders erzählen, aber ein knapperer zeitlicher Rahmen heißt nicht, möglichst geschlossen oder einfach erzählen zu müssen. Man kann auch einfach mit dem Prozess des Erzählens offen umzugehen, ihn untersuchen und befragen. 

Darum wird es auch in der aktuellen Arbeit gehen?
Ja, wir versuchen bewusst offen zu legen, dass sich zu dritt diese Geschlossenheit des Erzählens nicht herstellen lässt. Die lässt sich im Theater ja sowieso nicht bewerkstelligen, weil immer Leute aufeinandertreffen, die jeweils eigene Perspektiven auf den Stoff haben. Es gibt bei unserem Abend bewusst keine Regie, die den Prozess von außen bündelt, die dann sagt „so und so und so“, also keine Vision, die dann den schönen Rahmen schafft. 

Das habt ihr in dieser Konstellation ja schon einmal erprobt…
Wir haben bereits einmal beim Steirischen Herbst eine ähnliche Arbeit gemacht, wo wir mit einem Wiederholungsprinzip gearbeitet haben. Der Abend lief im Loop, die Anlage war eher installativ. Und wir haben uns in der damaligen Arbeit mit der Konstruktion einer Geschichte- einer Heldenreise beschäftigt, die dann aufgebrochen und dekonstruiert wird. Im aktuellen Stück wollten wir das fortführen: Den installativen Charakter, die gemeinsame Konstruktion einer Geschichte, das Ansammeln von Erzählansätzen, die man versucht in eine Form zu kriegen. 

Auf dieses Serienprinzip verweist auch der Titel „Previously On“?
Der Titel verweist darauf, dass wir die Arbeit als Fortführung unserer ersten gemeinsamen Arbeit verstehen. Außerdem bezieht er sich darauf, dass jeder Abend eine neue Geschichte, neue Geschichten über einen Herrn P. erzählt, der uns als Sammelbecken und Rahmen dient; Geschichten, die in einer späteren Vorstellung wieder aufgegriffen, variiert oder weitererzählt werden können. 

Wie kann ich mir den Abend konkret vorstellen?
Wir – Sebastian – Performance, Philine – Raum – und ich – Text - sitzen gemeinsam an einem Tisch auf der Bühne, quasi unsere Gemeinschaftsinsel und spielen ein Spiel um die Erzählhoheit der jeweils nächsten Szene. Von dort aus entstehen dann Erinnerungen oder Konstruktionen der Geschichte des Herrn P., die wir aus unseren drei Perspektiven erzählen. Jeder von uns greift in den Abend ein und erzählt die Geschichte weiter, aber immer aus seinem Element heraus. Die Ebene an der alles hängt sind wir. Die Konstellation von drei Menschen, die gemeinsam eine Geschichte erzählen wollen, um sie wettstreiten oder dann doch versuchen eine gemeinsame, nicht lineare aber auch nicht beliebige Geschichte zu finden. Diese Zusammenarbeit aus drei unterschiedlichen Perspektiven ohne ordnende Instanz, in der sich Narrative verbinden oder eben nicht. 

Wie funktioniert Erzählen für dich im Idealfall?
Tatsächlich in einem solchen Gruppenprozess. Ich muss noch dazusagen, wir sind bei dem Projekt nicht alle auf derselben Linie, haben unterschiedliche Ansätze. Sebastian ist zum Beispiel ein großer Fan klassisch konstruierter Geschichten. Ich weiß, wenn ich nur für mich bin und ich jede Erzählung anzweifle, besteht die Gefahr, dass vielleicht überhaupt keine Erzählung mehr zustande kommt. Das Schöne an unserem Prozess ist eben dieses Abarbeiten an den unterschiedlichen Perspektiven auf das Erzählen, das gezielte Nutzen der unterschiedlichen Ansätze und Vorlieben. Ich finde gerade dieses Zusammenspiel eine gute Art zu erzählen. 

Woher kommt deine Lust am nichtlinearen Erzählen oder am Dekonstruieren linearer Erzählungen?
Bei mir ist es so, dass ich mein eigenes Leben nicht in einer so klassischen Narration erzählen könnte und mich da nicht wiederfinde. Ich denke, man muss andere Formen finden, in denen Parallelerzählungen möglich sind, mehrere Wirklichkeiten. Oder zwei Parallelfiguren oder sogar mehrere. So nehme ich zumindest meine eigene Lebensrealität wahr.

Previously On
Von und mit: Gerhild Steinbuch, Philine Rinnert, Sebastian Straub
Garage X, Termine: 9. bis 11. April jeweils 20.00 Uhr.

Erschienen auf TheGap.at.
 


Mittwoch, 19. März 2014

Valentinstag ohne Date

Ein Valentinstag ohne Date, aber mit der Frau der großen Liebe. Das ist unterhaltsamer als es klingt und zu sehen im Nestroyhof.

Bild: Valentinstag_Iwan_Wyrypajev.jpg
BILD: Nestroyhof Hamakom

In Russland ist alles etwas größer, immer. Der Humor ist schwärzer, die Liebe tragischer und das Betrunkensein rauschiger. Der Witz absurder und geht öfter auf eigene Kosten, die Dialoge schärfer. Zumindest in Iwan Wyrypajews Russland ist das so. 

Die Thematische Klammer der Stücke des Autors aus dem sibirischen Irkutsk und das grundlegende Motiv von Theater im Allgemeinen beschreibt er wie folgt: „Ja, in allen Stücken geht es immer nur um die Liebe. Sie ist das einzig Reale. Alles andere ist Blendwerk.“ In der konkreten Ausformung wirkt das, anders als es klingt, nie platt oder abgedroschen. Wyrypajev ist einer der wenigen der dem Thema etwas unklischiertes entgegenzusetzen hat: neue Perspektiven, neue Metaphern, analytisch aber mitfühlend. In „Karaoke-Box“ (Schauspielhaus Wien, 2010) treffen sich zwei Android_innen in einer Karaoke-Bar, in „Illusionen“ (ebendort, 2013) rekapitulieren zwei alternde Ehepaare die Geschichte ihrer Liebe(n). 

Boy meets another girl
Die Situationen scheinen bei Wyrypajew nur anfangs einfach, die Geschichten sind nie schnell erzählt, die Dialoge nie so eindeutig. So auch diesmal: Aus boy-meets-girl wird schnell ein boy-meets-another-girl. Was davon bleibt, nachdem besagter Herr, Valentin, tot ist, bildet den Ausgangspunkt für den Versuch von Liebe zu erzählen. Konkret: Die beiden früheren Rivalinnen, Valentina und Katja feiern den 60. Geburtstag der erstgenannten. Katja schenkt Valentina ein Gewehr. Das letzte Erinnerungsstück, das Katja von Valentin geblieben ist, alles andere hat sie Valentina bereits verkauft. 

Von dieser Situation ausgehend wird die Geschichte in Rückblenden nach hinten gesponnen und die Historie dieser Dreierkonstellation nach und nach aufgeblättert. Der historische Hintergrund ist dabei der Vordergrund des Bühnenbilds. Auf der Projektionsfläche über der Bühne wird das Zeitgeschehen bildhaft illustriert: von Lenin bis Putin über Perestroika und Glasnost. Die Bühne selber ist ein im Laufe des Abends wild durcheinander gewürfelter Haufen von Metallboxen, die als Tisch, Sitzgelegenheit und Bett dienen, das Interieur der Wohnung genauso illustrieren, wie die Straßen davor.

Tschechows Knarre
Gleichzeitig wird der Dialog der beiden Frauen immer wieder vorangetrieben, die alten Zwiste und Rivalitäten aufgewärmt und die Freundschaft, die die beiden Frauen mittlerweile füreinander hegen, angedeutet. Es ist das, „miteinander nicht sein, aber ohne einander nicht leben können“, dass alle Beteiligten in unterschiedlichem Maße verbindet. Wyrypajev spielt bewusst mit der Logik von Tschechows Gewehr - „Man kann kein Gewehr auf die Bühne stellen, wenn niemand die Absicht hat, einen Schuss daraus abzugeben.“ -, um bewusst auf die Eskalation der Geschichte zuzusteuern. Valentina richtet eine Flinte auf Katja – ein Lauf mit Platzpatrone, der andere mit einer echten geladen. Nur welche steckt wo? 

Schlussendlich begibt sich Katja im silbernen Weltraumanzug auf eine interplanetare Expedition, nachdem sie von Gott und dessen Prophezeiung von Valentinas baldigen Ableben geträumt hat. Warum? Warum denn nicht. Es ist auf jeden Fall eines der gelungensten Bilder des Abends: Ingrid Lang – auch bekannt von anderen Bühnen – im Kosmonautenanzug mit Sauerstoffflasche, Akkordeon, Luftballon auf dem Weg gen Weltraum. 

Diese szenische Dichte wird nicht in allen Passagen durchgehalten. Phasenweise wünscht man den Schauspieler_innen mehr ausstatterische Hilfsmittel oder andere inszenatorische Lösungen, um die Spielfreude des Textes leichter schultern zu können, um sie beim Herausarbeiten der Zäsuren zu unterstützen. Manchmal wirken die Worte in zwischen den ganzen Metallboxen etwas verloren, so als würde sich der Text gegen die Inszenierung oder die Spielweise sträuben. Das kann natürlich auch eine positive Friktion sein aber die ist nicht immer erkennbar. Vor allem Ingrid Lang gelingt es über weite Strecken Wyrypajews stilistische und inhaltliche Meisterschaft einen Körper und eine Stimme zu leihen und das Raffinierte in seinem Text fassbar zu machen.

Valentinstag – Iwan Wyrypajev
Inszenierung: Frederic Lion, Raum und Projektion: Andreas Braito, Mit: Gabriele Dossi, Ingrid Lang, Harald Windisch, Musik: Karl Stirner, Dramaturgie: Karl Baratta, Licht: Stefan Pfeistlinger, Kostüm: Lucie Strecker, Regieassistenz: Georg Carstens
Weitere Vorführungen: Täglich bis inkl. 22. März

Erschienen auf TheGap.at.

Donnerstag, 20. Februar 2014

Der Tag, an dem gestorben wurde

Zufälle müssen umso glücklicher sein je widriger die Umstände ausfallen. Das zeigt „Aller Tage Abend“ im Wiener Schauspielhaus anhand der mehrere Reiche und Regime verknüpfenden Geschichte einer zu Beginn des Jahrhunderts geborenen jüdisch stämmigen, kommunistischen Schriftstellerin. 

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Steffen Höld, Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Katja Jung, Katharina Klar, Johanna Tomek. BILD: Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Als am Beginn des 20. Jahrhunderts in Brody geborene, jüdische Frau hatte man vielleicht bessere Chancen das Opfer der boshaften, blinden Willkür des Zufalls, als erfolgreiche DDR-Staatsautorin zu werden. Man hätte 1902 in Galizien bereits im Alter von acht Monaten sterben können; sich später dann - 1919 - in Wien aus Liebeskummer in den Freitod flüchten können; hätte 1939 in Moskau der stalinistischen Inquisition zum Opfer fallen können; 1960 hätte man als hochdekorierte Schriftstellerin auf der Treppe des Hauses in Ostberlin ausrutschen und tödlich verunglücken können, anstatt 1990 im Altenheim im wiedervereinigten Berlin zu sterben. Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“ (Albrecht Knaus Verlag, München 2012) spürt all diesen Toden und ihrem Widerhall im Leben der Hinterbliebenen nach, um im darauffolgenden Buch das Was-wäre-Wenn eines glücklicheren Zufalls und damit des Überlebens der Protagonistin auszuloten. 

Anhand dieser namenlosen Akteurin H. – erst im Altenheim heißt sie Frau Hoffmann - erzählt Erpenbeck eine subjektive Geschichte des 20. Jahrhunderts. In dem in fünf Büchern unterteilten Text schält sie die Erkenntnis heraus, wie grausam der Zufall in unsere Existenzen eingreifen kann, vor allem, wenn deren Umstände selbst nicht anders zu beschreiben sind als grausam. Dass es der Protagonistin H., einer in Polen geborenen Jüdin, tatsächlich wie purer Zufall erscheinen muss, dass gerade sie dieses mörderische Jahrhundert überlebt haben soll, so viele andere aber nicht, ist nur verständlich. 

Das Leben dem Zufall entreissen
Dem Text ein „kindische Alles-ist-Zufall-Weltsicht zu unterstellen ist so falsch, wie darin „das typische Ossi-Bewußtsein“ erkennen zu wollen, chauvinistisch. Denn wer alles durch den Zufall bestimmt sieht, hat keinen Grund sich politisch zu engagieren und das heißt ja nichts anderes als zu versuchen, die Verhältnisse, unter denen wir unser Glück machen, zu Gunsten eben dieses Glücks zu verändern. Genau dieses Engagement ist aber ein wiederkehrendes Motiv des Textes. Ein Unterfangen, das die Figur der H. mit ihrer vagen Vorlage Hedda Zinner, Schriftstellerin, Journalistin, Schauspielerin und Großmutter von Jenny Erpenbeck teilt. 

Wenn also in Erpenbecks Text von Zufall die Rede ist, dann ist es kein Eingeständnis der Unverständlichkeit und Unveränderlichkeit des Daseins. Im Gegenteil: Es ist ein Apell das Leben und das Überleben dem Zufall zu entreißen und daran (politisch) zu arbeiten. Auch wenn der Text oft von Zufall spricht, meint er damit Kontingenz: es können zwar alle Ereignisse eintreten, aber mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten. Gerade an den Wahrscheinlichkeiten einzelner Szenarien und damit an den Bedingungen ihres Eintretens gilt es zu arbeiten. 

Roman > Theater
Nun ist es aber so, dass der Gegenstand dieser Rezension ein Theaterstück und kein Roman ist, der Text weniger selbst spricht, als gesprochen wird. Das sogar sehr viel und über kürzere Strecken auch dialogisch. Der Dramatisierung von Andreas Jungwirth und Regisseurin Felicitas Brucker gelingt es dabei, durch präzisen und teils wortlosen Spielsequenzen der schmucklosen Sprache von Erpbeck eine sehr körperliche Komponente hinzufügen, ohne diese in ihrem Ausdruck zu schmälern. So bleiben auch die Figuren in Bruckers Regiearbeit konzis und schaffen interagierend Stimmungen, die der Textfassung spielerisch etwas entgegensetzen, ohne sie verfärben zu wollen. 

Der selbstbewusste, aber unaufdringliche, Einsatz von Sound und Video auf Michael Zerz von einem modularen Kubus geprägten Bühne, trägt diesem Unterfangen Rechnung, betont aber vor allem in den Übergängen zwischen den Büchern bzw. Spielsequenzen auch Zäsuren. Diese sind aufmerksamkeitsökonomisch in Anbetracht der teils langen Monologe und Erzählpassagen willkommen, rütteln einladend wach.

Lediglich das fünfte und letzte Buch fällt in Punkto Dichte ab. Dennoch sehenswert: Johanna Tomek als nun alte Frau Hoffmann im Altenheim im Sprachstrom des Erinnerns, in dessen Kehrwasser bereits das Vergessen einsetzt. In der durch die Bank sehenswerten Ensembleleistung stechen Steffen Höld, Franziska Hackl und Katja Jung besonders hervor. Höld wechselt gekonnt zwischen den Charakteren der verschiedenen Rollen: als exilierter Vater des verstorbenen Kindes tritt er dabei den amerikanischen Einwanderungsbehörden entgegen – mit einer Haltung aus fast freudiger Neugierde und dem Wissen den emotionalen Abgrund jenseits des Atlantiks noch immer in sich zu tragen. Franziska Hackl weiß in ihren Rollen mit einer unfassbaren Beweglichkeit im Angesicht der Brutalität des menschlichen Daseins zu begeistern. Katja Jung begleitete das Publikum in ihrem Monolog fokussiert in die wabernde Paranoia der stalinistischen Schauprozesse. Chapeau. 

Das Stück vermittelt eine lebendige Geschichtsstunde des 20. Jahrhunderts, zeichnet die Lebens-, Gefühls- und Denkwege einer jüdischen Frau, die versucht als streitbare Kommunistin durch dieses Jahrhundert zu gehen. Vor allem aber stellt es das Anliegen der Protagonistin und dessen Bedeutung in das Zentrum: dass "Worte aus Tinte sich in etwas Wirkliches verwandeln, so wirklich wie ein Tüte Mehl."

Aller Tage Abend (UA)
Von Jenny Erpenbeck, Bühnenfassung: Andreas Jungwirth
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Michael Zerz, Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal, Sounddesign: Arvild Baud, Video: Samuel Schaab, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Franziska Hackl, Steffen Höld, Katja Jung, Katharina Klar, Florian von Manteuffel, Johanna Tomek.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Erschienen auf TheGap.at.
 


Freitag, 25. Oktober 2013

Theater goes Pop

Wenn Musiker ans Theater gehen, sind es nicht nur die Toten Hosen, die an der Burg ein Konzert spielen. Die wenigsten aber inszenieren dort selbst wie Schorsch Kamerun. Die meisten machen einfach nur Musik – viele lässt das Theater dann nicht mehr los.

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Gustav / Eva Jantschitsch BILD: Reinhard Werner

Ende November lässt Eva Jantschitsch wieder die Puppen tanzen. Genauer gesagt werden die Wiener Praterkasperl die Puppen von Gerhard Haderer zu den Stimmen von Maschek und zur Musik von Eva Jantschitsch, auch bekannt unter ihrem Alias Gustav, tanzen lassen. »Bye-Bye, Österreich!« heißt der Abend im Wiener Rabenhoftheater, der alles andere als einen Erstkontakt mit der Bühne darstellt. Das Theater war viel mehr einer der Gründe für ihren Umzug nach Wien: »Ich habe zwei, drei Jahre zuerst bei freien Gruppen hospitiert und später Regieassistenz gemacht. Als ich dann visuelle Medienkunst studiert habe, hatte ich dann jahrelang nichts damit zu tun.« 

Im Zuge ihrer Soundarbeiten ist sie dann als Musikerin und Komponistin wieder am Theater gelandet. In »Der Alpenkönig und der Menschenfeind« an der Burg spielt sie nicht nur selbst, sondern dirigiert auch acht Musiker. »Es gibt aber auch Produktionen, wo es nicht notwendig ist, ständig vor Ort zu sein und man Playbacks autonom erarbeitet, erst zur letzten Probephase einfliegt und nach der Premiere wieder nach Haus fährt«, führt sie das Spektrum ihrer Arbeit am Theater aus. 

Für Sofa Surfer und I-Wolf Wolfgang Schlögl, war es gerade die Aussicht, nicht mehr ständig herumfliegen zu müssen, die ihn an die Bühne lockte: »Meine Tochter war damals sieben Monate alt und ich kam gerade von einer zweimonatigen Tour zurück. Da hat mich die Kleine drei, vier Tage lang nicht erkannt. Das war sicher so ein Initialmoment, wo man als junger Vater beginnt nachzudenken: Willst du irgendwelchen diffusen Welteroberungsplänen nachhängen oder willst du beim Aufwachsen deines Kindes dabei sein?« Wolfgang Schlögl erzählt, dass er ohne diese Engagements am Theater wohl ohnehin die Popmusik mit einem seriösen Job hätte eintauschen müssen, um samt Familie über die Runden zu kommen. So wie ihm geht es einigen. Das Theater ist in Österreich für Musiker ein zweiter Karriereweg. Extrem viele kommen dort zwar nicht unter, aber doch zu viele, um es als Möglichkeit zu ignorieren. 

Im Bauch des Wals
Natürlich ist Geld nicht der einzige Grund, um am Theater anzuheuern. Die Engagements sind nicht per se gut dotiert. Gagen variieren ja nach Haus und Produktion. Gerade bei freien Bühnen lässt sich mit Theater allein oft kein Lebensunterhalt bestreiten. Doch auch dort, wo finanzielle Anreize gering oder nicht vorhanden sind, schlägt die Arbeit am Theater Musiker in ihren Bann. Eva Jantschitsch beschreibt es so: »Es ist ein wabernder Zustand, in dem man sich permanent gegenseitig befruchten kann.« Wolfgang Schlögl: »Ich finde es einfach sehr spannend, Teil einer größeren Maschinerie, die eben aus Bühnenbild, Dramaturgen, Ausstattern, Regisseur und Schauspielern besteht, zu sein, um eine Geschichte zu erzählen. Das Theater als Maschine, die Arbeit dort wie auf einer Bohrinsel«. So fasst er die vier Monate Proben zu Matthias Hartmanns Tolstoi-Adaption von »Krieg und Frieden« zusammen. 

Gerade in arbeitsintensiven Endprobenphasen wird das Theater immer mehr zur primären Lebenswelt. Das Theater wird zum Wal, der seine Protagonisten erst am Premierenabend wieder ausspuckt. Meist etwas mitgenommen. Weder Endproben-Stress noch Premierenapplaus, Premierenfeier oder der langsame Stress-Abbau nachher gehen spurlos an einem vorüber. Das ist wohl eine der wenigen sich regelmäßig wiederholenden Dynamiken im Theaterbetrieb. 

Theater goes Pop
Dass Musiker aus dem Pop-Umfeld am Theater andocken, ist nicht neu. Ein Trend zwar, wie Eva Jantschitsch meint, aber einer, der bereits in 70ern begonnen habe, unter anderem mit den Einstürzenden Neubauten. Eva Jantschitsch und Wolfgang Schlögl befinden sich als Musiker am Theater auch in namhafter Gesellschaft: 1000Robota, Chicks On Speed, Die Goldenen Zitronen, Hans Platzgumer, Kante oder Mouse On Mars, um nur einige zu nennen. Ob es sich bei solchen Engagements bloß um Promotion-Vehikel handelt, lässt sich nicht nur an der Qualität der Arbeiten erkennen, sondern auch daran, ob sich eine fortgesetzte Zusammenarbeit ergibt oder nicht. 

Es ist zudem ein Indiz dafür, dass Hoch- und Subkultur schon länger durchlässig sind und sich immer wieder Anknüpfungspunkte ergeben: Eben Menschen, die unabhängig von ihrer Szene neugierig aufeinander sind. »Man darf ja nicht vergessen, Intendanten sind nicht immer nur alte, grauhaarige Männer mit dicken Bäuchen, sondern wollen in ihren Theatern auch eine gewisse Lebensrealität gespiegelt sehen. Dazu holt man sich natürlich auch immer Leute in diese Tempel und diese Museen, die abseits dieser Parallelwelt leben«, so Gustav.

Tarkovsky und Nestroy
Arbeit am Theater ist immer Arbeit am Text. Für Musiker heißt das, in Zusammenarbeit mit der Regie ihre Interpretation zu erstellen. In letzter Konsequenz eben: Welcher Sound passt zu welcher Passage, welche Ästhetik zu welchem Stück? »Beim Tarkovsky-Abend in Basel arbeite ich mit der Lüftung und mach daraus einen psychoakustischen Soundtrack. Der passt für das Stück. Für Nestroy eher nicht«, erklärt Wolfgang Schlögl. Genau wie im Film schaffen Musik und Sound auch im Theater den Kontext, in dem Handlung vorangetragen, Emotionen verhandelt werden. 

Genau wie im Film ist Klang äußerst effektiv, um Emotionen zu führen. »Man kann direkt durch die musikalische Reaktion einen großen Einfluss auf Inhalte und ihre Rezeption ausüben. Musik relativiert Wahrnehmungszustände, verändert diese und nimmt immer darauf Einfluss«, sagt Martin Siewert, Gitarrist der Band Radian. Oft ist er dabei nicht bloß Theatermusiker, sondern Performer. Es gehe ihm vor allem um »improvisationsinduzierte Szenarien abseits der normalen musikalischen Komposition.« 

Dadurch rückt die Musik näher an das Geschehen auf der Bühne, ist weniger akustischer Hintergrund. Das spontane Zusammenspiel würde sich aber noch immer grundlegend von einer Konzertsituation unterscheiden. Im klassischen Theaterbetrieb bleibt diese Freiheit, Spielsituationen und Grenzen ausloten, meist nur den Schauspielern vorbehalten. »Es geht nicht so sehr darum, sich künstlerisch auszuleben. Meine Bühnenpersönlichkeit ist da nicht gefragt, sondern letzten Endes vor allem mein handwerkliches Geschick«, erzählt Eva Jantschitsch. Es gelte die Visionen der Regie umzusetzen. Reibungsflächen sind da, Theater immer auch ein Kompromiss. Einer, mit dem sich leben und arbeiten lässt.

Eva Jantschitsch spielt aktuell in »Der Alpenkönig und der Menschenfeind« am Burgtheater und ist ab 27. November mit »Bye-bye, Österreich!« am Rabenhoftheater zu hören.
Wolfang Schlögl spielt zurzeit in »Krieg und Frieden« am Burgtheater, in »Speed« am Theater in der Josefstadt und in »Kleiner Mann – was nun?« (mit den Sofa Surfers) am Volkstheater Wien.


Erschienen in thegap 139 und hier.