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Mittwoch, 24. Oktober 2012

Energiewende – oder was?

Der Begriff stammt aus einem 1980 veröffentlichten Bericht des Instituts für angewandte Ökologie in Freiburg. Was aber ist nun mit der Energiewende? Glaubt man dem Mythos, ist es Prometheus, der den Umgang der Menschen mit Energie maßgeblich verändert hat. Er erstreitet für sie das Feuer, lehrt sie aber auch Ackerbau und Viehzucht – und sorgt damit für die beiden ersten großen Zäsuren in der Geschichte der menschlichen Energienutzung.

Während die Menschen als Jäger und Sammler nur passiv die Energieflüsse ihrer Umwelt nutzen können, gehen sie in der Agrargesellschaft dazu über, diese aktiv zu gestalten. Man spricht von einem „kontrollierten Solarenergiesystem“, in dem die Menschen die Reproduktion der Nahrung, vor allem die Photosynthese der Pflanzen und anderer Ressourcen gezielt zu steuern versuchen. Es wird möglich, auf einer begrenzten Fläche einen größeren Teil der Produktivität für die eigene Ernährung zu verwenden. Der Energiedurchsatz pro Kopf der Agrargesellschaften macht bereits ein Vielfaches von jenem der Jäger-und-Sammler-Kulturen aus. Sie schöpfen gezielt für sich und ihre Nutztiere Energie aus agrarischen und nicht mehr natürlichen Ökosystemen – sie ernten. Dabei müssen sie zwangsweise nachhaltig sein, also ein Gleichgewicht zwischen der Größe der Bevölkerung, der zu deren Ernährung benötigten Agrarflächen und der zur Bewirtschaftung nötigen Arbeitskraft finden.



Energiewende in Afrika

Mit der Nutzung fossiler Energieträger geht die Notwendigkeit und die Möglichkeit einer solchen Balance und mit ihr die des nachhaltigen Wirtschaftens schrittweise verloren. „Die Energiewende hin zu fossilen Energieträgern beginnt im England des 17. Jahrhunderts und findet in weiten Teilen Afrikas erst jetzt statt. Die Verwendung fossiler Energien in nennenswerten Größen ist dort in vielen Staaten noch am Anfang“, erklärt Marina Fischer-Kowalski, Sozialökologin an der Universität Klagenfurt.

Die Auswirkungen dieser Wende illustriert sie am Beispiel Englands: „Mithilfe der Kohle konnte etwa England sein Energievolumen binnen weniger Jahrzehnte vervielfachen, obwohl es noch keine Dampfmaschinen oder eine große Industrie gab.“

Dieses neue, fossile Energiesystem ist aber kein Ersatz für das bestehende, auf Biomasse basierende – es setzt darauf auf. Die Steigerung des fossilen Energieeinsatzes geht mit einer stärkeren Nutzung von Biomasse einher. Durch den Einsatz fossiler Energieträger kann die Produktivität von Agrarökosystemen massiv gesteigert werden. Industriegesellschaften, die viel weniger Brennholz als Agrargesellschaften verbrauchen, weisen im Bereich der Biomasse einen ähnlich hohen Energiedurchsatz auf. Da sie zusätzlich noch fossile Energie nutzen, ist ihr Energiedurchsatz pro Kopf gut dreimal so hoch wie der von Agrargesellschaften.

Global betrachtet, hielten sich die Energieflüsse von Biomasse und fossiler Energie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Waage – der weltweite gesellschaftliche Stoffwechsel hat heute ein viermal so hohes jährliches Volumen erreicht und wird von fossiler Energie dominiert.



Fossile Energie und Revolution

Die Industrialisierung greift in den gesamten gesellschaftlichen Stoffwechsel ein. „Ich konnte anhand von 15 Ländern zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten zeigen, dass die meisten bürgerlichen Revolutionen immer dann stattfanden, wenn der Anteil fossiler Energie am Primärenergiebedarf einen Anteil von fünf bis sieben Prozent erreicht hatte“, sagt Fischer-Kowalski. Sie illustriert dies so: „In England war das etwa 1640, in China und Indien erst 1949 der Fall. Bei der Französischen Revolution lag man bei vier und 1848 in Österreich bei sechs Prozent.“

In Ländern, in denen Revolutionen stattfanden, hat sich die Anwendung fossiler Energie rasant verbreitet. Dort, wo es keine Revolution gab, wie in Italien oder den Niederlanden, war der Übergang zum fossilenergetischen Regime langsamer.



Sieg des Bürgertums über den Adel

Wenn sich die Befeuerung der sozialen Konflikte und der Kohlekessel gegenseitig verstärkten, war es den etablierten Kräften der Aristokratie kaum möglich, diesen Konflikt zu ersticken. Der Siegeszug des Bürgertums ging Hand in Hand mit jenem fossiler Energie.

„Der Aristokratie mit ihrem Grundbesitz entstand eine bedrohliche Konkurrenz durch die bürgerlichen Kapitalbesitzer. Plötzlich gab es einen gesellschaftlichen Reichtum, der nicht mehr auf der aristokratischen Abschöpfung der Bauernarbeit beruhte“, erklärt Fischer-Kowalski.

Den Grundlagen dieses neuen gesellschaftlichen Reichtums sind aber von jeher Grenzen gesetzt. Auf der Inputseite erschöpfen sich die fossilen Energievorkommen, auf der Outputseite die Fähigkeit der Umwelt, Abfälle und Emissionen aufzunehmen. An exakt dieser Stelle befinden wir uns am Beginn des 21. Jahrhunderts.



Übergang zu neuer Energienutzung

„Meinem Eindruck nach sind wir an einem Takeoff-Punkt, wo der Umstieg auf erneuerbare Energieträger eine vielleicht sogar unerwartet starke Beschleunigung erfahren wird. Die Preise fossiler Energieträger und aller anderen Naturressourcen haben sich in den letzten zehn Jahren vervielfacht – das schafft neue Rahmenbedingungen“, sagt
Fischer-Kowalski. Auch Reinhard Haas, Energieökonom an der TU Wien und Leiter des Studiengangs „Erneuerbare Energie in Mittel- und Osteuropa“, hält fest: „Wir befinden uns in dieser Transformation. Das ist eine kontinuierliche Entwicklung, vor allem in Europa. Der Anteil der erneuerbaren Energieträger ohne Wasserkraft ist EU-weit zwischen 1997 und 2010 von einem auf neun Prozent gestiegen.“

Gleichzeitig weist er auf eine gegenläufige Tendenz in Österreich hin: „Es hatte bereits sehr früh hohe Anteile an Wasserkraft – auch eine erneuerbare Energiequelle. 1990 lag ihr Anteil an der Stromerzeugung bei siebzig Prozent. Im Moment haben wir einen relativ konstanten Anteil von 65 Prozent.“

Es wird nicht mehr Energie geben

„Der Unterschied zur fossilen Energiewende ist, dass die aktuelle Energiewende keine Vermehrung der gesellschaftlich verfügbaren Energie verspricht“, erklärt Fischer-Kowalski. „Die reichen Industrieländer haben seit der ersten Ölkrise in den frühen Siebzigerjahren ein ziemlich stagnierendes Energieverbrauchsniveau. Man kann mit der ersten Ölkrise eine massive Abflachung der Energieverbrauchskurve feststellen. Wir haben aber eine Umschichtung in Richtung Elektrizität und erneuerbare Energien. Die großen Weltmodelle, die den künftigen Weltverbrauch simulieren, wie zum Beispiel das Global Energy Assessment, gehen von einer Abnahme des Primärenergiebedarfs in den Industrieländern aus.“



Mehr Gaskraftwerke in Europa

Bei der Verbrennung von Kohle und Gas zur Stromerzeugung fällt Abwärme an. Nicht so bei den Energiequellen Wind, Wasser und Sonne. Damit kann die verfügbare Nutz-energie stabil bleiben, während der Aufwand an Primärenergie sinkt.

„Anders als fossile Energie müssen Wind, Wasser und Sonnenlicht nicht erst abgebaut werden, was sich positiv in den Betriebskosten niederschlägt. Photovoltaik-Anlagen liefern während ihrer Lebensdauer in etwa das 25-fache der Energie, die ihre Herstellung verursacht. Bei Windenergie liegt dieser Wert sogar zwischen einem Faktor von fünfzig bis hundert, was einer Amortisierungsdauer von knapp einem Monat entspricht“, erklärt Reinhard Haas.

Die künftige Entwicklung schildert er so: „Im Strombereich wird es keine dramatischen Veränderungen geben – der Stromverbrauch wird weiterhin steigen. Wir werden mehr Strom aus erneuerbarer Energie haben, aber das ist limitiert, da ich nicht zu jeder Zeit rund um die Uhr Photovoltaik und Windstrom habe. Im europäischen Raum wird daher längerfristig die Notwendigkeit bestehen, Gaskraftwerke zu betreiben, um Ausfälle bei erneuerbaren Energien kurzfristig zu ersetzen.“



Raus aus der Stadt – und die Folgen

Größere Veränderungen erwartet sich Haas im Bereich der Mobilität. Durch Größe und Gewicht der Autos wurde wesentlich mehr an zusätzlicher Energie verbraucht, als man durch Effizienzsteigerungen einsparen konnte.

„Menschen, die aus der Stadt in die Vororte gezogen sind, geraten durch die steigenden Energiepreise in eine unangenehme Position“, erklärt Hermann Knoflacher, Verkehrsplaner an der TU Wien. Die Zerschlagung kleinräumlicher Strukturen habe zu einem Anwachsen der Wegstrecken und zu einer Mehrnutzung von Autos geführt.

Erschwerend kommt hinzu, dass beim Auto erneuerbare Energieträger so gut wie keine Rolle spielen. Eine zehnprozentige Beimischung von Agrartreibstoffen wäre nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. „Und so illusorisch wie wenig nachhaltig“, erklärt die Politikwissenschafterin Alina Brad: „Um das Beimischungsziel von zehn Prozent zu realisieren, würde man auf dem gegenwärtigen Level des Verbrauchs fossiler Energieträger ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen Europas benötigen.“



Treibstoff aus Pflanzen – Unsinn

Verlagert man die Agrartreibstoffproduktion in die Länder des Südens, verdrängt sie entweder den Nahrungsmittelanbau oder führt zur Rodung von Wäldern oder Trockenlegung von Mooren, was eine enorme Kohlendioxidfreisetzung bewirkt. Beim Anbau kommen Dünge- und Pflanzenschutzmittel zum Einsatz, die wie die Weiterverarbeitung der Pflanzen fossile Energieträger benötigen. Die Länder des Südens tragen mit der Ausbeutung ihrer Ökosysteme noch stärker zur Aufrechterhaltung oder Schaffung eines fossilen Lebensstils in den Industrieländern bei und geraten vermehrt in deren Abhängigkeit.

„Pflanzen, die als Nahrung dienen, für die Produktion von Treibstoff zu benutzen, kann nicht nachhaltig sein. Ich denke, in fünf bis zehn Jahren werden die Agrartreibstoffe, die wir heute kennen, in Europa nicht mehr subventioniert und daher keine Relevanz mehr haben. Der Trend der Biomasseverflüssigung geht in Richtung Algen, Stroh und Abfallstoffe, die sogenannten Biotreibstoffe der zweiten Generation“, sagt Alina Brad.

Nicht viel besser ist es um unsere Chancen bestellt, das gegenwärtige Niveau individueller Mobilität mit Elektrizität zu bestreiten. Elektroautos leiden nicht nur unter ihren finanziellen und ressourcenintensiven Herstellungskosten, sondern vor allem an ihrer zahlenmäßigen Bedeutungslosigkeit: „Wir hatten letztes Jahr ungefähr 350.000 Fahrzeugneuzulassungen, in etwa 600 davon waren Elektroautos. Bis 2020 werden wir vielleicht ein Prozent der Neuzulassungen erreichen“, sagt Reinhard Haas.



Strukturwandel beim Verkehr

Als gangbaren Weg, den Energieverbrauch im Bereich Mobilität zu reduzieren, beschreiben Reinhard Haas und Hermann Knoflacher die innerstädtische Verringerung von Parkplätzen und den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel. Zentrales Moment dabei sind aber die Spritpreise. Dass diese stetig steigen werden, gilt den beiden als unausweichlich. Dass hohe Treibstoffpreise ein wirksames Mittel sind, um den Individualverkehr einzudämmen, haben die beiden Ölpreiskrisen bewiesen.

Reinhard Haas hält dabei folgendes Szenario für sehr wahrscheinlich: „Im Verkehrsbereich wird es in dem Moment einen Strukturwandel geben, da Diesel und Benzin so teuer sind, dass es weh tut. Das heißt nicht einmal, dass sich die Effekte der Globalisierung so besonders stark abschwächen werden, sondern einfach nur, dass nicht notwendiger Transport vermieden wird.“ Die Frage ist, ob man diese Preissteigerung aktiv und politisch herbeiführt oder passiv vom Markt diktieren lässt.



Energiesparen im Wohnbereich

Im Bereich des Wohnens und Heizens stagniert der Energiebedarf trotz steigender Wohnflächen pro Kopf. Es gibt aber auch hier noch viel brachliegendes Einsparungspotenzial, etwa durch Wärmedämmung und energieeffiziente Baumaterialien. Anna Heringer ist Architektin an der TU Wien und beschäftigt sich mit Lehm. Ungebrannt weist er eine hervorragende Energiebilanz auf und ist praktisch endlos recyclingfähig – zum Vergleich: Stahlbeton ist nur mit hohem Qualitätsverlust recyclingfähig und in seiner Herstellung äußert energieintensiv.

Bei ihrer Arbeit hält sie sich an folgende Formel: „Lokale Ressourcen, also Wissen, Materialen und Handwerker so gut wie möglich in Verbindung mit modernen technischen Errungenschaften nutzen. Ich versuche immer, auf eine gute Balance von Low- und High-Tech zu achten. Das Ganze muss natürlich durch einen guten Entwurf veredelt werden, um so für Akzeptanz bei den Menschen zu sorgen.“



Lehmhäuser mit Solaranlagen

Dieses Konzept verfolgt sie dabei nicht nur hierzulande: In Bangladesch hat sie Lehmhäuser mit Solaranlagen ausgestattet. Das ist günstiger, als ein Stromnetz anzulegen. Auch Marina Fischer-Kowalski berichtet davon, dass erneuerbare Energien in ärmeren Gebieten, wie in indischen Bergdörfern nahe Nepal, auf hohe Akzeptanz stoßen. Dort bieten sie nicht nur eine vergleichsweise stabile, dezentrale Energieversorgung, sondern auch Berufsmöglichkeiten: „Hätten die Kinder eine Ausbildung mit Zukunft, würden viele indische Frauen mit Freude weniger Kinder bekommen. Die Familien könnten es sich ja nur dann leisten, Kinder in die Schule zu schicken, wenn sie weniger Kinder bekommen. Diese Verlangsamung des demografischen Wachstums ist natürlich für die Nachhaltigkeitsfrage essenziell.“



Wir sind komplett Banana

Hierzulande scheitern Projekte nicht nur an finanziellen oder politischen Barrieren, sondern auch am Widerstand der Anrainer, wie Reinhard Haas ausführt: „Build Absolutely Nothing Anywhere Near Anybody – BANANA. Es gibt massiven Widerstand gegen Trassen für Leitungen, um die Netze fit für erneuerbare Energien zu machen, aber auch der Widerstand gegen Windkraftanlagen nimmt zu.“

Kein gutes Zeichen, denn die Energiewende im gegenwärtigen Tempo wird nicht ausreichen, um den Klimawandel zu bremsen. „Diese Prozesse geschehen, aber nicht in einem Tempo, das es erlauben würde, unser Klima zu stabilisieren. Das bedeutet, dass wir, abgesehen von erheblichen Knappheitsproblemen, auch vermehrt mit Katas-trophen konfrontiert sein werden“, fasst Marina Fischer-Kowalski die gegenwärtige Entwicklung zusammen.



Wir müssen unser Leben ändern

Die Begrenzung der Klimaerwärmung auf unter zwei Grad, was laut dem internationalen Klimabeirat IPCC notwendig ist, um Katastrophen zu vermeiden, kann nur gelingen, wenn der Verbrauch der Industrieländer sinkt. Jener der sogenannten Emerging Economies steigt jedoch noch drastisch an. Dort beginnen sich jene Konsummuster auszubreiten, die hier allmählich abklingen: motorisierter Individualverkehr, massive Bautätigkeit und hoher Fleischkonsum.

Steigender Verbrauch bedeutet aber auch steigende Nachfrage nach fossilen Energieträgern und vermehrte Konkurrenz im Zugang zu diesen. Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass dies bewaffnete Konflikte nicht ausschließt.

Für Alina Brad hat die Diskussion um die Energiewende daher ein großes Defizit: „Man geht immer davon aus, dass wir mehr Energie brauchen und daher mehr Energie heranschaffen müssen. Die Veränderung des Lebensstils, um weniger Energie zu verbrauchen, wird dagegen kaum debattiert.“ Eine Debatte, die ohne Diskussion des Wachstumsimperativs nicht zu haben sein wird. Ob sich Politik oder Wirtschaft daran wagen?


Alina Brad, Politikwissenschafterin und ÖAW DOC-team- Stipendiatin: „Es ist doch skandalös, wo es doch weltweit hungernde Menschen gibt, Nahrungsmittel zu Treibstoffen zu verarbeiten.”

Marina Fischer-Kowalski, Sozialökologin, IFF Wien: „Ich glaube, eine Energiewende hat die Chance, zu mehr Dezentralität, sozialer Gerechtigkeit und Demokratie beizutragen, aber ob diese Chance realisiert wird, hängt von einer Menge Umstände ab.“

Reinhard Haas, Energieökonom, TU Wien: „Energetisch leben wir im Moment einfach über unseren Verhältnissen. Vor allem auch deshalb, weil Energie billig ist.“

Anna Heringer, Architektin, TU Wien: „Der Trend geht nach wie vor dazu, Prozesse zu automatisieren und menschliche Arbeitskraft zu marginalisieren, statt ihr einen höheren Stellenwert zu geben.“


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Energiewende - oder was? (4/12)


Mittwoch, 2. Mai 2012

Wie grün ist uns die Wissenschaft?

Dem Begriff „grüne Wissenschaft“ stehen Wissenschafter mit Skepsis oder Unverständnis gegenüber. Also eine gute Gelegenheit, mit ihnen darüber zu reden, um mögliche Bedeutungen auszuloten.

"Grüne Wissenschaft? Man könnte sich vieles darunter vorstellen.“ Markus Wissen, Politikwissenschafter an der Uni Wien, legt sich nicht fest. Verena Winiwarter, Dekanin der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung an der Uni Klagenfurt, präzisiert: „,Grün‘ ist keine wissenschaftsinterne Bezeichnung. Es ist eine Außenzuschreibung.“
Diese Annahme scheint auch Martin Schlatzer zu vertreten, Ernährungsökologe am Institut für Meteorologie des Departments Wasser-Atmosphäre-Umwelt an der BOKU. „Meines Wissens gibt es keine einheitliche Definition. Am ehesten würde ich es mit Nachhaltigkeit assoziieren, obwohl Nachhaltigkeit selbst nicht so präzise gefasst wird und oft zum ,green-washing‘ missbraucht wird.“

Grün ist es, wenn es nachhaltig wirkt
Eine klarere Vorstellung von grüner Wissenschaft vertritt Elisabeth Grabenweger, Pressesprecherin des Wissenschaftsministeriums. Dort werde der Begriff „als Wissenschaft und Forschung für nachhaltige Entwicklung verstanden, also thematisch sehr viele Felder betreffend. Darunter fallen zahlreiche Bemühungen von Wissenschaftern, die im Bereich der nachhaltigen Entwicklung forschen.“

Der Physiker Serdar Sariciftci, Leiter des Instituts für Organische Solarzellen an der Uni Linz, betont einen weiteren Aspekt. Der Begriff müsse nicht nur Ziel einer Forschung für eine nachhaltige Gesellschaft beinhalten, sondern auch eine angemessne Methodik: „Die Substanzen und Verfahren der Wissenschaft und Technologie der Zukunft sollten umweltfreundlicher und nachhaltiger werden.“

Obgleich „grüne Wissenschaft“ als Begriff nicht präzise gefasst ist, lässt sich eins mit Gewissheit festhalten: Die Häufigkeit, mit welcher der Begriff „Nachhaltigkeit“ beim Versuch der Beantwortung verwendet wird, legt nahe, dass dieser eine gewisse Relevanz besitzt.

In den letzten Jahren lässt sich eine Konjunktur des Begriffes erkennen. Und wie es mit Konjunkturen so ist, verringert sich ihr medialer Wert immer dann, wenn das andere K-Wort die Runde macht: nein, nicht Klima – Krise.

Die Konvergenz der Krisen
Die aktuelle Situation ist qualitativ und nicht bloß quantitativ völlig neuartig. Serdar Sariciftci spricht davon, dass wir am Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend eine Konvergenz der Krisen erleben. Ihm folgend lassen sich vier Phänomene beschreiben: Knappheit von Ressourcen und Senken, Bevölkerungswachstum und das Ende des Neoliberalismus. Als Senken versteht man (Öko-)Systeme, die der Umwelt Schadstoffe entziehen – im Falle von CO2 sind das vor allem Regenwälder, Weltmeere und Böden als primäre Aufnahmemedien der globalen Emissionen.

Die ersten beiden Phänomene beschreiben die materiellen Austauschbeziehungen der Menschen mit der Natur. Sie haben sich beginnend mit der Industrialisierung seit Beginn des 20. Jahrhunderts massiv gesteigert.

„Wir haben eine wesentlich größere Materialumsatzmenge als jemals zuvor. Das ist völlig einzigartig und gründet in der fossilen Energie“, führt Verena Winiwarter aus. Diese Energie droht uns in ihrer fossilen Form auszugehen.

Auch Markus Wissen kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: „Es sprechen alle Fakten dafür, dass wir mit einer qualitativ neuen Situation konfrontiert sind. Sowohl ressourcen- als auch senkenseitig durch den Aufstieg der Schwellenländer, aber auch durch die Tatsache, dass der Norden auf seinem industriellen Wachstumspfad voranschreitet.“

Dieser Pfad führt zunehmend nach Indien und China. Im Rahmen einer globalen Arbeitsteilung ist die Bedeutung Chinas als Industriestandort beträchtlich gewachsen. Damit steigt aber auch der globale Bedarf an Ressourcen und Senken.

Zusätzlich führt der durch die Industrialisierung geförderte Wohlstand einzelner Bevölkerungsgruppen der Schwellenländer zu einer Verbreitung „fossilistischer“ Konsummuster nach dem Zuschnitt der etablierten Industriestaaten. „Fossilistisch“ sind besonders ressourcen- und emissionsintensive Formen des Konsums: automobiler Individualverkehr, Flugreisen und hoher Fleischkonsum.

Fleischkonsum als Bedrohung
Wer weiß schon, dass Fleischproduktion besonders ressourcen- und emissionsintensiv ist? Fleisch ist ein sehr ineffizientes Nahrungsmittel, wenn man wie in der industriellen Massentierhaltung Tiere mit Getreide und nicht mit agrarischen Abfallprodukten füttert.

Für ein Kilo Fleisch benötigt man ca. drei Kilogramm Getreide, wobei ein Kilogramm Fleisch lediglich halb so viele Kalorien enthält wie eine entsprechende Menge Getreide. Mit den Kalorien, die bei der industriellen Fleischproduktion verlorengehen, könnte man hochgerechnet 3,5 Milliarden Menschen ernähren.

Martin Schlatzer führt weiter aus: „Bereits jetzt werden 40 Prozent der Weltgetreideernte verfüttert. Bei der Weltsojaernte sind es sogar 90 Prozent. Wenn die Prognosen über den steigenden Fleischkonsum eintreffen, werden wir noch mehr Getreide zur Fleischproduktion benötigen.“

Der Druck auf die Ernährungssicherung steigt mit dem wachsenden Konsum von Fleisch. Auch wenn es fraglich ist, was Ernährungssicherheit bedeutet, wenn rund eine Milliarde Menschen auf der Welt Hunger leidet.

Während die Nachfrage nach Fleisch wächst, schrumpfen gleichzeitig die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Die Gründe dafür: Klimawandel, Verschlechterung der Fruchtbarkeit der Böden, Flächennutzung durch Suburbanisierung, Anbau von Baumwolle oder von Pflanzen für die Biosprit-Produktion.

Sind wir bald zehn Milliarden?
Die Weltbevölkerung wird in Zukunft weiter wachsen. Sie hat sich im 20. Jahrhundert nahezu vervierfacht. Bis zum Jahr 2050 rechnet man mit einem Wachstum auf etwa 9,7 Milliarden Menschen. Subsahara-Afrika ist dabei eine jener Regionen, für die ein besonders hohes Bevölkerungswachstum angenommen wird. Afrika aber ist bereits jetzt von Mangelernährung betroffen. „Selbst bei einem Szenario, in dem man von einer perfekten Anpassung an den Klimawandel ausgeht, was etwa die Wahl der angebauten Sorten betrifft, werden die Ernteerträge beeinträchtigt werden“, sagt Schlatzer.

Wie sich die Situation tatsächlich entwickeln wird, ist schwierig vorherzusehen, meint Anton Huber, Chemiker am Kunststoff-Labor CePoL der TU Graz: „Natur ist kein technisches, sondern ein selbstorganisierendes System, das sich durch zunehmende Kausal-Entkopplung von der Umgebung auszeichnet.“ Eine optimistische Annahme bezüglich der Steuerungsfähigkeit des Klimas durch den Menschen kann daher als unrealistisch gelten.

Leben wir im eigenen Endzeitalter?
Wie sehr die Menschheit in ihre biologischen Grundlagen eingegriffen hat, zeigt die noch recht junge Debatte um den Begriff „Anthropozän“. Geht es nach dem US-amerikanischen Biologen Eugene Stoermer, der den Begriff prägte, und dem niederländischen Atmosphärenphysiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen, der ihn popularisierte, leben wir in einem neuen Erdzeitalter.

Bereits im Jahr 2008 befand die stratigraphische Kommission der Geological Society of London, dass hinreichend Beweise für einen erdzeitalterlichen Abschnitt vorliegen, der ohne bisherige Entsprechung sei. Das schrieb der italienische Geologe Antonio Stoppani bereits 1873. Er sprach, jedoch ohne Gehör zu finden, vom Anthropozän, von einer „neuen tellurischen Macht, die es an Kraft und Universalität mit den großen Gewalten der Natur“ aufnehmen könne.

Diese Macht ist die Spezies Mensch selbst. Wir leben nicht nur im Anthropozän, wir haben es sogar selbst erschaffen; nicht bloß als Begriff oder Konzept, sondern als faktische Realität. „Das Anthropozän anzuerkennen bedeutet, dass wir uns selbst in dem Bild, das wir uns von der Natur machen, bewusst berücksichtigen. Nun können wir, statt anzunehmen, dass wir keinen großen Einfluss auf die Natur ausüben, entscheiden, wie wir diesen gestalten“, meint Erle Ellis, Professor am Departement of Geology & Environmental System der University of Maryland.

Bruch mit der Naturbeherrschung
Damit ist ein Auftrag formuliert. Und der erste Schritt könnte der Bruch mit dem Paradigma der Naturbeherrschung sein – oder wie Verena Winiwarter sagt, mit „technologischen Fantasien von Naturbeherrschung. Wir beherrschen die Natur bei Weitem nicht so gut, wie wir das gern täten. Globale und lokale Umweltprobleme sind vor allem Ausdruck dessen, dass wir sie nicht beherrschen.“

Im Angesicht der Umweltkrise greifen technische Lösungen zu kurz. Die Stellschraube der Ressourceneffizienz allein ist ein tückisches Instrument: Effizientere Technologie führt meist zu ihrer Mehrnutzung. Diesen Rebound-Effekt beschrieb der englische Ökonom William Stanley Jevons im Jahr 1865: Er stellte fest, dass die technischen Neuerungen bei Dampfmaschinen ihren Kohleverbrauch deutlich senkten. So wurde Kohle zu einer günstigen Energiequelle, worauf der Gesamtverbrauch deutlich anstieg.

Die technologischen Neuerungen erlauben, mit weniger Ressourcen mehr Güter herzustellen. Doch diese relative Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum wurde durch Letzteres überkompensiert. Das heißt, der Verbrauch stieg an. „Allerdings hat eine absolute Entkopplung, und das ist das einzige, was zählt, nicht stattgefunden. Alle Studien weisen darauf hin, dass mehr Effizienz allein nicht ausreicht“, erklärt Wissen.

Auf Kohle folgte Erdöl, was dann?
William Stanley Jevons Befürchtung, die ihn zu seiner Studie veranlasste, nämlich der Zusammenbruch der Kohleförderung, sollte sich erst hundert Jahre später bewahrheiten. Der Grund für die Verzögerung: das Erdöl. Nun nähert sich auch die Geschichte der Erdölnutzung ihrem Schlussakt.

Eine fixe Zweitbesetzung für die Rolle des Erdöls in der globalen Ökonomie gibt es nicht, nur ein Ersatzensemble alternativer Energien. Das reicht von Biosprit, der Klimaprobleme verstärkt und vor allem den Ländern des reichen Nordens hilft, gängige Konsummuster aufrecht zu erhalten, bis hin zu Wind- oder Solarenergie.

Letztere stellen für Serdar Sariciftci das Rückgrat einer nachhaltigen Energieversorgung dar: „Die dezentrale und delokalisierte Energieversorgung mit Solarenergie und/oder Windenergie, teilweise unterstützt mit delokalisierter Geothermie, ist die vernünftige Antwort auf diese konvergierenden Krisen.“

Dass wir diese Technologien entwickeln konnten, liegt paradoxerweise an der fossilen Energie, erklärt Verena Winiwarter: „Den Innovationsfortschritt, den uns die fossile Energie liefert, werden wir in einer postfossilen Ära dafür nutzen, eine wesentlich technischere Zivilisation haben zu können. Wir werden vielleicht nicht auf alle Annehmlichkeiten, die wir jetzt haben, verzichten müssen.“

Fällt das Paradigma vom Wachstum?
Nimmt man die Definition im Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung für Nachhaltigkeit ernst, heißt dies mit den Rahmenbedingungen zu brechen, in denen der Begriff verortet ist: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Wie Markus Wissen erklärt, ist der Begriff Ausdruck des Bemühens, Entwicklung verstanden als Wachstum mit Umweltschutz zu versöhnen. Festhalten am Wachstumsparadigma steht einer nachhaltigen Entwicklung und einem umfassenden gesellschaftlichem Wandel zusehends im Weg. Ohne diesen wird jedoch ein bewusster Umgang mit der Natur, eine bewusste Gestaltung von Naturverhältnissen nicht zu haben sein.

„Man bräuchte eine sozialökologische Transformation. Da müssten Fragen gestellt werden, die in der aktuellen Debatte nicht vorkommen: die Suffizienzfrage – was brauchen wir zu einem guten Leben? Die Frage der Demokratie – wie gestalten wir die Aneignung von Natur demokratisch?“ Nur dort, wo Ressourcen nicht exklusiv zugunsten meist ökonomisch mächtiger Akteure verwendet werden, sei diese Aneignung auch nachhaltig.

Grün ist keine Frage der Technik
Die technischen Wissenschaften haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht, folgt man Serdar Sariciftci: „Wissenschaft und Technologie statten uns mit Instrumenten aus, aber die Anwendung dieser Instrumente wird die Gesellschaft verantworten. Falls wir als Gesellschaft eine weise und kluge Wahl treffen, wie Aristoteles schreibt, dann sind die Instrumente heute schon vorhanden.“

Das lenkt den Fokus einer grünen Wissenschaft auf geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen. Elisabeth Grabenweger erläutert dies so: „Fortschritte in der Entwicklung und im Einsatz innovativer Technologien können Krisen entschärfen. Doch wichtig ist auch Forschung zur Frage, wie die Transformation der Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit gelingen kann – sind doch gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen weitaus schwieriger zu bewirken als beispielsweise eine reine Effizienzsteigerung in technischen Prozessen.“

Weder Markt noch Staat
Wie kann die Gesellschaft angeregt werden, eine kluge Wahl zu treffen? Reichen Markt und Staat als Taktgeber einer solchen Umstrukturierung aus?

Das ist aus mehreren Gründen zweifelhaft. Der Markt ist weitgehend blind gegenüber seinen ökologischen und sozialen Grundlagen – Profitmaximierung und Ressourcenschonung schließen sich weitgehend aus.

Der Wandel des Neoliberalismus hin zu einer „green economy“ könne daher nicht als gesamtgesellschaftliche Transformation, sondern eher als selektive ökologische Modernisierung gelten, so Markus Wissen. Ebenfalls skeptisch betrachtet er die Rolle des Staates: dieser sei ja nie bloß neutraler Akteur – der Staat als Terrain würde einzelnen Akteuren bessere Chancen einräumen, ihre Interessen zu formulieren, während andere und ihre Themen praktisch völlig ausgeschlossen sind – darunter etwa auch das der Suffizienz. Sein Schluss daher: „Ich denke, dass Veränderungen sehr stark von unten ausgehen müssen, dass sie erkämpft werden müssen, statt allzu sehr auf staatliche Politik zu hoffen.“

In diesem Kontext ist auch die Rolle einer emanzipatorischen, sozialökologischen Wissenschaft angesiedelt, wie sie Markus Wissen vorschwebt: „Wissenschaft hat eine wichtige Funktion, wenn es darum geht, nachhaltige Formen des Umgangs mit Natur sichtbar zu machen, Konflikte zu untersuchen, Widersprüche von vorherrschenden Formen der Naturaneignung herauszuarbeiten und dabei auch Ansatzpunkte für emanzipatorisches Handeln zu identifizieren.“ Ähnlich Verena Winiwarter, die ihre Arbeitsweise wie folgt beschreibt: „,Meine‘ Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung steht dafür, dass man sich nicht zuerst Wissen ausdenkt und es dann transferiert, sondern dass robustes und gesellschaftlich relevantes Wissen am besten dann entsteht, wenn man diejenigen, die dieses Wissen nutzen sollen, schon an seiner Herstellung beteiligt.“

Verena Winiwarter, Uni Klagenfurt: „Es gibt genügend Ansatzpunkte für eine kluge postfossile Politik. Wir werden extrem innovativ sein müssen, wenn wir diese Transformation schaffen wollen.“

Serdar Sariciftci, Uni Linz: „Energieautonomie und Energieautarkie wird eine Demokratisierung der Energieversorgung bringen.“

Markus Wissen, Uni Wien: „Die Kriege des 21. Jahrhunderts wurden und werden um Ressourcen wie Erdöl geführt.“

Martin Schlatzer, BOKU Wien: „Unser Konsum muss sich wieder im Einklang mit der Natur befinden – das sollte selbst bei einer Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen möglich sein.“


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wie grün ist uns die Wissenschaft? (1/12)