Freitag, 8. November 2013

Glück ist ein Ministerium

 »Happiness is a warm gun«, sangen die Beatles. Glückseligkeit ist eine Kommission, die sich darum kümmert, weiß man in Bhutan. Geht es nach zwei Kommunikationsdesign-Studierenden der Hochschule Mannheim, soll sich jetzt auch in Deutschland ein Ministerium dem Glück annehmen.


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Mininsterium für Glück und Wohlbefinden. BILD: Daniel Clarens
In den frühen 90ern kam es im Königreich Bhutan zur Vertreibung von ungefähr 100.000 Angehörigen der nepalesischen Minderheit – damals immerhin fast ein Fünftel der Bevölkerung. Erst seit 1998 untersteht der König als Staatsoberhaupt der Autorität des Parlaments. 1999 wurde das Verbot von Internet und Fernsehen aufgehoben. Politische Parteien sind erst seit 2007 erlaubt. Seit den Wahlen zum Unterhaus 2008 kann man von einer Demokratie nach westlichen Standards sprechen.
Es ist also nicht die jüngere Geschichte des Königreichs, die viele Systemkritiker in der westlichen Welt inspiriert. Vielmehr ist es die 1972 vom vierten Drachenkönig Jigme Singye Wangchuck ausgegebene Losung: »Das Bruttonationalglück ist wichtiger als das Bruttonationalprodukt.« Dieser Satz bildet die wirtschaftspolitische Marschroute Bhutans und spiegelt seine buddhistische Kultur und traditionelle Ausrichtung wieder: Wirtschafswachstum muss im Einklang mit kultureller Identität und intakter Umwelt stattfinden, es braucht gutes Regieren und eine gerechte Wirtschaftsentwicklung. Wachstum ist demnach kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck und dieser heißt: ein erfülltes Leben zu führen.
Überwacht und umgesetzt wird dieses Konzept von der »Kommission für das Bruttonationalglück«. Diese prüft einerseits, wie sich politische Entscheidungen auf das Bruttonationalglück auswirken könnten – ähnlich wie in Europa etwa Umweltverträglichkeitsprüfungen angestellt werden. Andererseits schickt die Kommission in regelmäßigen Abständen Interviewer aus, um das Bruttonationalglück zu erheben. Mit dem Ende letzten Jahres erschienenen Dokumentarfilm »What Happiness Is« kann man sich davon und von Bhutan ein Bild machen.

Die Frage des Glücks 
Ursprünglich aus einer Seminararbeit hervorgegangen, ist das Projekt »Ministerium für Glück und Wohlbefinden« für Daniel Clarens und Gina Schöler, beide studieren Kommunikationsdesign an der Hochschule Mannheim, mittlerweile viel mehr als eine bloße Fingerübung. Inspiriert von Bhutans Kommission für Bruttonationalglück haben die beiden ihre Kampagne gestartet: Ziel dieser ist es, unsere grundlegenden Bedürfnisse wieder ins Zentrum zu rücken und ein Wachstumsparadigma herauszufordern, das sich vom gesellschaftlichen Wohlergehen abgelöst zu haben scheint. Über soziale Netzwerke, in Diskussionsrunden und Filmvorführungen, aber auch in Straßenaktionen thematisieren die beiden die Frage des Glücks und was es denn überhaupt sein könnte. BIORAMA im Gespräch mit Gina Schöler.

BIORAMA: Die österreichische Wirtschaftskammer wirbt mit dem Slogan »Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.« Wie stellt sich für euch der Zusammenhang von persönlichem und gesellschaftlichem Wohlergehen dar?
Gina Schöler: Das ist ein Hammer-Slogan – wenn man ihn umdrehen würde. Die Wirtschaft soll ja immer noch dem Mensch dienen und nicht andersrum. Das sollte das Ziel von wirtschaftlichem Handeln sein. Wenn die Grundvoraussetzungen für ein gutes Leben gegeben sind, geht es uns allen besser. Das gesellschaftliche hat dann auch auf das persönliche Glück unmittelbare Auswirkung. Andersrum gilt das natürlich auch: Ich kann bei mir im Alltag beginnen und so mich und mein unmittelbares Umfeld glücklich(er) machen. Wenn das jeder täte, hätte das dann auch Auswirkungen auf das gesellschaftliche Wohl. Aber das wäre wiederum nicht nachhaltig und langanhaltend, wenn die generellen Rahmen­bedingungen nicht stimmen.

Inwieweit lässt sich ein Konzept wie Bruttonationalglück, das stark in einem buddhistischen Kontext verwurzelt ist, auf Deutschland übertragen?
Natürlich kann man das bhutanische Bruttonationalglück nicht 1:1 hier in Deutschland übernehmen. Die Frage ist ja letztendlich nur, ob das Bruttoinlandsprodukt der alleinige Faktor zur Wohlstands- bzw. Wohlbefindensmessung unserer Nation sein kann. Deswegen plädieren wir für unser Bruttonationalglück, denn so stünden nämlich auch ganz andere Werte und Wünsche im Vordergrund, und unser Wohlbefinden würde nicht radikal auf das wirtschaftliche Wachstum reduziert werden.

Einer der Schwerpunkte eurer Kritik scheint mir auf Konsum und Profitmacherei zu liegen. Greift eine bloße Kritik des Wirtschaftssystems nicht zu kurz?
Ein Teil unserer Kampagne besteht aus der Frage, was die Menschen wirklich glücklich macht. Wenn man den Leuten diese Frage stellt, bekommt man zum Glück ganz selten der dicke Porsche oder die neueste Handtasche als Antwort. Und genau hier knüpfen wir an: Denn es sind nicht die materiellen Dinge, die wir brauchen, um ein gutes und erfülltes Leben zu führen. Wir sollten uns wieder mehr auf uns und unser Miteinander konzentrieren, in Menschlichkeit und Freundschaft investieren und unsere kostbare Zeit anders nutzen als von einem Kaufhaus zum anderen zu hetzen, um uns kurzfristig glücklich zu konsumieren. Es wäre daher auch wünschenswert, dass das politische System sich wieder etwas mehr auf das Wohlergehen der Bürger und nicht auf das finanzielle Wohl der Unternehmen konzentriert. Ein Beispiel hierfür wären eben regelmäßige und ausführliche Glücksumfragen, welche auch ein guter Weg zu mehr direkter Demokratie wären.

Es gibt ja auch durchaus Menschen, die behaupten würden, dass Staat und Staatlichkeit dem Glück diametral entgegenstehen. Ist ein Ministerium für Glück nicht sogar kontraproduktiv?
Hier geht es in keinster Weise darum, die Menschen zwangszubeglücken. Das Ministerium für Glück und Wohlbefinden wäre garantiert nicht dafür zuständig, dass alle permanent glücklich und grinsend durch die Gegend laufen, das wäre ja schrecklich. Hier geht es auch nicht darum, Verantwortung für das eigene, persönliche Glück abzugeben und jemand anderen dafür zuständig zu machen. Es geht darum, auch in der Politik den Fokus neu zu setzen, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Das Ministerium für Glück und Wohlbefinden würde hier als Impuls- und Ideengeber dienen, in engem Kontakt mit der Bevölkerung stehen und die Bedürfnisse ausloten, diese an die Regierung und all die anderen Ministerien weitergeben und andersrum Entscheidungen von oben gegenchecken, ob diese mit unserem Wohlbefinden kompatibel sind.

Es gibt ja den Satz: »Drei Leute mit einer guten Idee können mehr erreichen als Zehntausend auf der Straße.« Könnte man damit die Idee hinter eurem Projekt beschreiben?
Das könnte zutreffen – wobei »Zehntausend auf der Straße« auch etwas erreichen können, wenn man sich die aktuelle politische Lage in manchen Teilen der Welt anschaut. Aber auf uns bezogen kann man durchaus sagen, dass wir allein durch die Idee an sich, ein Ministerium für Glück und Wohlbefinden zu gründen, viel Wirbel gemacht und viel Aufmerksamkeit auf dieses Thema gelenkt haben. Dass wir das Ganze nebenher auch noch visuell ausarbeiten und grafisch zugänglich machen, scheint in den Hintergrund gerückt zu sein. Das ist aber auch definitiv okay so. Das Design und die Kommunikation nach außen transportieren die Idee, und so sollte es ja auch sein.


Wie schätzt ihr die Wirksamkeit eurer Kampagne ein? Sind Demos denn nicht noch immer effektiver als experimentelle Straßenaktionen?
Demos sind groß und laut, sicher auch kurzzeitig sehr medienwirksam. Das würde aber weder zu uns noch zu dieser Idee passen. Wir haben uns für eine dezentere und vielleicht zurückhaltendere Variante der Kommunikation entschieden. Wir möchten keine trockenen Glücks- oder Politikdiskussionen führen, wir möchten zum Nachdenken, Diskutieren, zum Mitmachen und natürlich auch zum Lächeln anregen. Und wie erreicht man das? Indem man die Menschen behutsam und freundlich einlädt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Da hat sich herauskristallisiert, dass Straßenaktionen oder auch Werbematerial der etwas anderen Art die Leute faszinieren kann und sie neugierig macht.

Wenngleich das Programm von Blockupy deutlich konkreter ist, geht es doch auch dabei um ein besseres Leben. In der konkreten Ausdrucksform unterscheidet sich das natürlich deutlich von eurer Kampagne. Erkennt ihr dabei Parallelen zu eurem Projekt?
Ich sehe hier auf den ersten Blick keinen wirklichen Zusammenhang. Wir demonstrieren nicht gegen etwas, wir kommunizieren im Untergrund, stellen Fragen, sind im Dialog mit den Bürgern und machen auch oft spielerisch auf das Thema aufmerksam: Was macht euch glücklich? Was ist denn das gute Leben überhaupt und wie können wir es erreichen? Was muss grundsätzlich überdacht und geändert werden? Von uns – aber auch natürlich von der Politik. Die Menschen sollen durch unsere Aktionen aufwachen, aus dem Alltag gerissen werden, nachdenken und mitdiskutieren – und dabei nebenher auch noch Spaß haben.

Was steht noch weiteres an und wie läuft euer Projekt mittlerweile?
Ganz aktuell haben wir uns persönlich einen kleinen Terminstopp auferlegt – denn das Abgabedatum rückt näher und wir müssen noch die eigentliche Dokumentation unserer Kampagne verfassen und gestalten. Daniel wird dies in Form eines Films tun, ich werde mich an ein Buch setzen. Der Bedarf und das Interesse an Glück beziehungsweise an einem Ministerium dafür sind riesig. Feedback und Nachfrage sind enorm. Immer wieder tun sich neue Ideen und Kooperationsmöglichkeiten auf. Unser Projekt läuft gerade so wunderbar, weshalb es auch nach unserer offiziellen Abgabe weitergehen wird. Wir loten gerade aus, wie und in welcher Konstellation das geschehen kann und sind für jeden Input dankbar.
 
 www.ministeriumfuerglueck.de



Erschienen in Biorama #26 und hier.
 

Freitag, 1. November 2013

Fehler mit System

Handys, Fernseher oder  Waschmaschinen gehen viel zu schnell kaputt und lassen sich  nur schwer reparieren. Muss das wirklich sein?

Im Mai 1940 standen in den USA Frauen für das Trendprodukt der Saison Schlange. Das Objekt der Begierde: Nylonstrümpfe der Firma DuPont. Durchsichtig, hauchzart und reißfest – die Strümpfe wurden binnen kürzester Zeit zum Renner. Frei von Laufmaschen, lösten sie bei ihren Trägerinnen Verzückung aus, bei DuPont hingegen Panik. Weil die Strümpfe sehr haltbar waren, brach der Umsatz des Unternehmens schlagartig ein, als der Markt gesättigt war. So sollten die Chemiker der Firma künftig nur noch Strümpfe entwickeln, die weniger lang hielten.

Produkte mit kurzer Lebensspanne
Dass Produkte entworfen werden, um planvoll kaputt zu gehen, ist in einer wachstumsbasierten Wirtschaft üblich. Denn Wirtschaftswachstum kann es nur geben, wenn Absatzmärkte ungesättigt bleiben. Das geschieht, wenn Produkte ihren Zweck nicht auf Dauer erfüllen.
Für das eingebaute Ablaufdatum in Produkten gibt es einen eigenen Begriff: „geplante Obsoleszenz“. Sepp Eisenriegler, Leiter des Reparatur- und Service-Zentrums R.U.S.Z, hat dazu ein aktuelles Beispiel: „Bei Flachbildfernsehern platzen oft schon nach ein paar Jahren die Kondensatoren auf. Bessere Kondensatoren würden nur ein paar Cent mehr kosten. Damit ließe sich die Lebensspanne eines Geräts von drei auf bis zu zehn Jahre und mehr verlängern.“
Das macht natürlich für die Hersteller dieser Geräte keinen Sinn. Sie verdienen ihr Geld mit dem Verkauf neuer Produkte. Reparaturen rechnen sich für die Produzenten nicht. Die Leitlinien unseres Wirtschaftssystems und nicht das Geschick von Ingenieuren bestimmen die Haltbarkeit unserer Produkte. Möglichst kurze Nutzungszyklen sollen uns dazu bringen, ständig neue Geräte zu kaufen und so unsere Wirtschaft in Gang zu halten. Andere Wirtschaftssysteme geben andere Leitlinien vor: In der ehemaligen DDR war für Waschmaschinen und Kühlschränke eine gesetzliche Lebensdauer von 25 Jahren verordnet.

Umweltzerstörung durch Abfall
Geplante Obsoleszenz ist Ausdruck des Profitstrebens unserer Wirtschaft. Sie beschleunigt natürlich auch den Materialverbrauch. Neue Geräte brauchen in der Produktion vor allem Energie und Rohstoffe – und landen bald auf dem Müll. Das hat enorme soziale und ökologische Folgen. Nur merken wir am wenigsten davon. Den Schaden von diesem Wirtschaften haben vor allem Menschen in den Ländern des Südens und den Schwellenländern. Ihnen bleiben von den kurzen Produktzyklen Umweltzerstörung durch Rohstoffgewinnung und Abfall. Oft sind es Kinder, die auf ghanaischen, indischen oder pakistanischen Müllbergen durch Abbrennen von Kabeln und Extrahieren von Edelmetallen aus Halbleiterplatten in Säurebädern Bunt- und Edelmetall gewinnen. Der entstehende Rauch ist hochgiftig, Säuren versickern im Boden und erreichen über die Nahrungskette die Menschen

Langlebige Waschmaschinen rechnen sich
Es besteht die Möglichkeit, geplante Obsoleszenz zu umgehen. „Als Konsument kann man qualitativ hochwertige Produkte kaufen, die reparierbar sind“, erklärt Eisenriegler. „Die Reparatur von hochwertigen Geräten ist auch wesentlich günstiger als die von billigen.“ Daher lohnt sich der Kauf etwa einer teuren und reparierbaren Waschmaschine längerfristig. „Nur Reiche waschen billig“, sagt Eisenriegler und meint damit, dass eine teure, langlebige Waschmaschine insgesamt günstiger ist als eine Reihe von kurzlebigen. Außerdem verschlingt die Reparatur von Geräten deutlich weniger Ressourcen und Energie als die Herstellung eines neuen Geräts. Freilich sind hochpreisige Produkte nicht immer auch qualitativ hochwertig. Teure Smartphones werden kaum älter als drei Jahre. Bei den Strümpfen von  DuPont seinerzeit handelte es sich um eine Produkt-revolution. Heute hingegen stehen Konsumenten Schlange, um Geräte zu kaufen, die einfach nur ein bisschen moderner sind. Kurze Produktzyklen kurbeln den Absatz ebenso an wie technische Neuerungen: Daher werden etwa bei Smartphones Verschleißteile wie Akkus fix eingebaut. Ein Wechsel des Teils ist oft teurer und komplizierter als eine Neuanschaffung.
Um gegen geplante Obsoleszenz vorzugehen, braucht es neben bewussten Konsumentenentscheidungen auch politische Initiativen und neue Nutzungsmodelle. „Statt eines Smartphones könnte man doch auch eine komplette Dienstleistung anbieten“, meint Claudia Sprinz, Konsumentensprecherin bei Greenpeace. „Ein Handy könnte, so wie früher das Festnetztelefon, vom Betreiber zur Verfügung gestellt werden.“ Eisenriegler kann sich so etwas auch bei Waschmaschinen vorstellen. Der Effekt wäre in beiden Fällen derselbe: Hersteller würden ihre Produkte nicht verkaufen, sondern vermieten. Damit wäre ein Anreiz für langlebigere Geräte geschaffen.

Politische Initiativen sind gefragt
Eisenriegler und Sprinz fordern darüber hinaus politische Initiativen. Es müssen Anreize für die Herstellung langlebigerer Produkte geschaffen werden. Dies könnte etwa durch die Kennzeichnung der Haltbarkeitsdauer geschehen. Um die Nutzungsdauer zu erhöhen, müssen die Geräte leichter zu reparieren und aufzurüsten sein. Und wenn ein Gerät sich nicht mehr reparieren lässt, sollen zumindest seine Bestandteile wiederverwertet werden können. „Hersteller sollten ihre Geräte zurücknehmen müssen“, sagt Claudia Sprinz. „Wenn Produkte so gestaltet werden, dass sie möglichst lange verwendet werden können, und so designt sind, dass sie den Herstellern als Ausgangsbasis für neue Geräte dienen, profitiert nicht nur die Umwelt, sondern ersparen sich auch die Unternehmen durch die Rückgewinnung der Rohstoffe viel Geld. Zudem kann nur so sichergestellt werden, dass auch künftige Generationen noch genügend Ressourcen vorfinden.“


Freitag, 25. Oktober 2013

Theater goes Pop

Wenn Musiker ans Theater gehen, sind es nicht nur die Toten Hosen, die an der Burg ein Konzert spielen. Die wenigsten aber inszenieren dort selbst wie Schorsch Kamerun. Die meisten machen einfach nur Musik – viele lässt das Theater dann nicht mehr los.

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Gustav / Eva Jantschitsch BILD: Reinhard Werner

Ende November lässt Eva Jantschitsch wieder die Puppen tanzen. Genauer gesagt werden die Wiener Praterkasperl die Puppen von Gerhard Haderer zu den Stimmen von Maschek und zur Musik von Eva Jantschitsch, auch bekannt unter ihrem Alias Gustav, tanzen lassen. »Bye-Bye, Österreich!« heißt der Abend im Wiener Rabenhoftheater, der alles andere als einen Erstkontakt mit der Bühne darstellt. Das Theater war viel mehr einer der Gründe für ihren Umzug nach Wien: »Ich habe zwei, drei Jahre zuerst bei freien Gruppen hospitiert und später Regieassistenz gemacht. Als ich dann visuelle Medienkunst studiert habe, hatte ich dann jahrelang nichts damit zu tun.« 

Im Zuge ihrer Soundarbeiten ist sie dann als Musikerin und Komponistin wieder am Theater gelandet. In »Der Alpenkönig und der Menschenfeind« an der Burg spielt sie nicht nur selbst, sondern dirigiert auch acht Musiker. »Es gibt aber auch Produktionen, wo es nicht notwendig ist, ständig vor Ort zu sein und man Playbacks autonom erarbeitet, erst zur letzten Probephase einfliegt und nach der Premiere wieder nach Haus fährt«, führt sie das Spektrum ihrer Arbeit am Theater aus. 

Für Sofa Surfer und I-Wolf Wolfgang Schlögl, war es gerade die Aussicht, nicht mehr ständig herumfliegen zu müssen, die ihn an die Bühne lockte: »Meine Tochter war damals sieben Monate alt und ich kam gerade von einer zweimonatigen Tour zurück. Da hat mich die Kleine drei, vier Tage lang nicht erkannt. Das war sicher so ein Initialmoment, wo man als junger Vater beginnt nachzudenken: Willst du irgendwelchen diffusen Welteroberungsplänen nachhängen oder willst du beim Aufwachsen deines Kindes dabei sein?« Wolfgang Schlögl erzählt, dass er ohne diese Engagements am Theater wohl ohnehin die Popmusik mit einem seriösen Job hätte eintauschen müssen, um samt Familie über die Runden zu kommen. So wie ihm geht es einigen. Das Theater ist in Österreich für Musiker ein zweiter Karriereweg. Extrem viele kommen dort zwar nicht unter, aber doch zu viele, um es als Möglichkeit zu ignorieren. 

Im Bauch des Wals
Natürlich ist Geld nicht der einzige Grund, um am Theater anzuheuern. Die Engagements sind nicht per se gut dotiert. Gagen variieren ja nach Haus und Produktion. Gerade bei freien Bühnen lässt sich mit Theater allein oft kein Lebensunterhalt bestreiten. Doch auch dort, wo finanzielle Anreize gering oder nicht vorhanden sind, schlägt die Arbeit am Theater Musiker in ihren Bann. Eva Jantschitsch beschreibt es so: »Es ist ein wabernder Zustand, in dem man sich permanent gegenseitig befruchten kann.« Wolfgang Schlögl: »Ich finde es einfach sehr spannend, Teil einer größeren Maschinerie, die eben aus Bühnenbild, Dramaturgen, Ausstattern, Regisseur und Schauspielern besteht, zu sein, um eine Geschichte zu erzählen. Das Theater als Maschine, die Arbeit dort wie auf einer Bohrinsel«. So fasst er die vier Monate Proben zu Matthias Hartmanns Tolstoi-Adaption von »Krieg und Frieden« zusammen. 

Gerade in arbeitsintensiven Endprobenphasen wird das Theater immer mehr zur primären Lebenswelt. Das Theater wird zum Wal, der seine Protagonisten erst am Premierenabend wieder ausspuckt. Meist etwas mitgenommen. Weder Endproben-Stress noch Premierenapplaus, Premierenfeier oder der langsame Stress-Abbau nachher gehen spurlos an einem vorüber. Das ist wohl eine der wenigen sich regelmäßig wiederholenden Dynamiken im Theaterbetrieb. 

Theater goes Pop
Dass Musiker aus dem Pop-Umfeld am Theater andocken, ist nicht neu. Ein Trend zwar, wie Eva Jantschitsch meint, aber einer, der bereits in 70ern begonnen habe, unter anderem mit den Einstürzenden Neubauten. Eva Jantschitsch und Wolfgang Schlögl befinden sich als Musiker am Theater auch in namhafter Gesellschaft: 1000Robota, Chicks On Speed, Die Goldenen Zitronen, Hans Platzgumer, Kante oder Mouse On Mars, um nur einige zu nennen. Ob es sich bei solchen Engagements bloß um Promotion-Vehikel handelt, lässt sich nicht nur an der Qualität der Arbeiten erkennen, sondern auch daran, ob sich eine fortgesetzte Zusammenarbeit ergibt oder nicht. 

Es ist zudem ein Indiz dafür, dass Hoch- und Subkultur schon länger durchlässig sind und sich immer wieder Anknüpfungspunkte ergeben: Eben Menschen, die unabhängig von ihrer Szene neugierig aufeinander sind. »Man darf ja nicht vergessen, Intendanten sind nicht immer nur alte, grauhaarige Männer mit dicken Bäuchen, sondern wollen in ihren Theatern auch eine gewisse Lebensrealität gespiegelt sehen. Dazu holt man sich natürlich auch immer Leute in diese Tempel und diese Museen, die abseits dieser Parallelwelt leben«, so Gustav.

Tarkovsky und Nestroy
Arbeit am Theater ist immer Arbeit am Text. Für Musiker heißt das, in Zusammenarbeit mit der Regie ihre Interpretation zu erstellen. In letzter Konsequenz eben: Welcher Sound passt zu welcher Passage, welche Ästhetik zu welchem Stück? »Beim Tarkovsky-Abend in Basel arbeite ich mit der Lüftung und mach daraus einen psychoakustischen Soundtrack. Der passt für das Stück. Für Nestroy eher nicht«, erklärt Wolfgang Schlögl. Genau wie im Film schaffen Musik und Sound auch im Theater den Kontext, in dem Handlung vorangetragen, Emotionen verhandelt werden. 

Genau wie im Film ist Klang äußerst effektiv, um Emotionen zu führen. »Man kann direkt durch die musikalische Reaktion einen großen Einfluss auf Inhalte und ihre Rezeption ausüben. Musik relativiert Wahrnehmungszustände, verändert diese und nimmt immer darauf Einfluss«, sagt Martin Siewert, Gitarrist der Band Radian. Oft ist er dabei nicht bloß Theatermusiker, sondern Performer. Es gehe ihm vor allem um »improvisationsinduzierte Szenarien abseits der normalen musikalischen Komposition.« 

Dadurch rückt die Musik näher an das Geschehen auf der Bühne, ist weniger akustischer Hintergrund. Das spontane Zusammenspiel würde sich aber noch immer grundlegend von einer Konzertsituation unterscheiden. Im klassischen Theaterbetrieb bleibt diese Freiheit, Spielsituationen und Grenzen ausloten, meist nur den Schauspielern vorbehalten. »Es geht nicht so sehr darum, sich künstlerisch auszuleben. Meine Bühnenpersönlichkeit ist da nicht gefragt, sondern letzten Endes vor allem mein handwerkliches Geschick«, erzählt Eva Jantschitsch. Es gelte die Visionen der Regie umzusetzen. Reibungsflächen sind da, Theater immer auch ein Kompromiss. Einer, mit dem sich leben und arbeiten lässt.

Eva Jantschitsch spielt aktuell in »Der Alpenkönig und der Menschenfeind« am Burgtheater und ist ab 27. November mit »Bye-bye, Österreich!« am Rabenhoftheater zu hören.
Wolfang Schlögl spielt zurzeit in »Krieg und Frieden« am Burgtheater, in »Speed« am Theater in der Josefstadt und in »Kleiner Mann – was nun?« (mit den Sofa Surfers) am Volkstheater Wien.


Erschienen in thegap 139 und hier.