Donnerstag, 4. Juli 2013

Ulrich Eichelmann: „Wir produzieren eine Stromschwemme“

Warum Ulrich Eichelmann von der Organisation Riverwatch Wasserkraft für unrentabel und klimaschädlich hält.

profil: Sie üben heftige Kritik an der Wasserkraft. Warum?
Eichelmann: Flüsse leben von ihrem ständigen Wechsel, von Hochwasser- und Niederwasser, Erosion und Sedimentation. Ein Staudamm macht aus dem dynamischen Lebensraum einen statischen, monotonen. Es verändern sich damit auch Sauerstoffgehalt und Wasserqualität. Flussabwärts der Staumauer gräbt sich der Fluss immer tiefer ein, weil Schotter und Sand zurückgehalten werden. Der Grundwasserspiegel sinkt, und die umliegenden Gebiete trocknen aus.

profil: Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen baulichen Maßnahmen und Hochwasser?
Eichelmann: Durch den Ausbau der Flüsse sind die Hochwässer deutlich gefährlicher geworden. Die Pegel sind höher und steigen rascher. 1954 brauchte eine Hochwasserwelle von Ybbs nach Wien 54 Stunden. Heute braucht die Welle für dieselbe Strecke nur noch 19 Stunden.

profil: Wie hoch ist der Ausbaugrad der österreichischen Wasserkraft?
Eichelmann: Es gibt nur wenige Flussabschnitte ohne Staudämme. Und diese letzten Reststrecken sollen nun für 60 mittlere und große Staudämme geopfert werden. Würde man alle diese Wasserkraftwerke bauen, könnte man lediglich den Stromverbrauchszuwachs von fünf Jahren ausgleichen. Danach hätten wir in Österreich dasselbe Energieproblem wie jetzt. Wir produzieren nicht zu wenig Strom, wir verbrauchen zu viel.

profil: Wie kann man diesen Bauboom erklären?
Eichelmann: Wasserkraftwerke sind vor allem durch den Klimawandel wieder salonfähig geworden. Aufgrund der finanziellen Förderungen waren sie bessere Anlageformen als Derivate. Doch das hat sich geändert. Der Preis für die erzeugte Kilowattstunde sinkt seit Jahren, eine Folge auch des massiven Ausbaus von Windenergie und Solar. Wir produzieren eine Stromschwemme. Das hat zur Folge, dass die meisten Wasserkraftwerke gar nicht mehr rentabel sind.

profil: Aber Wasserkraftwerke haben immerhin eine sehr gute CO2-Bilanz.
Eichelmann: Das ist eine Mär. Stauseen setzen Methan frei, ein sehr klimaschädliches Gas. Es entsteht, wenn Pflanzen im sauerstoffarmen Umfeld vermodern. Neuere Studien belegen, dass auch unsere Kraftwerke Methan produzieren. Insgesamt setzen die Stauseen der Welt so viel klimaschädliche Gase frei wie der gesamte Flugverkehr. Von Klimaneutralität kann man daher nicht sprechen.

Zur Person
Ulrich Eichelmann ist Naturschützer, arbeitete 17 Jahre lang beim WWF und leitet heute die Organisation Riverwatch, die sich national und international für den Erhalt der Flussgebiete einsetzt.

Erschienen in Profil und hier.
 

Mittwoch, 26. Juni 2013

Sport und Gesellschaft

Sport durchdringt viele gesellschaftliche Teilbereiche. Kann man von Sportifizierung der Gesellschaft sprechen?

"Sports“ stammt aus dem englischen und bezeichnete eine teilweise wettkampforientierte, spielerische und körperliche Betätigung, der Männer in ihrer Freizeit nachgingen. Die Voraussetzung von Freizeit war das Bestehen einer Form von geregelter Erwerbsarbeit. Die ersten, die (genügend) Freizeit hatten, um Sport zu treiben, waren männliche Angehörige der aristokratischen Oberschicht. Ein Privileg, das das aufstrebende Bürgertum allmählich aufbrach, bis Sport in der gesamten Gesellschaft angekommen war.

Es gab immer schon Formen von wettkampforientierten Spielen, doch vor allem in der Moderne treten Aspekte wie kodifizierte Regeln, die Bedeutung von Ergebnissen und die Quantifizierung von Leistung in den Vordergrund.

„Spieltrieb, Wettkampf, Unterhaltung – soziale Bedürfnisse werden im Sport ausgelebt und befriedigt“, sagt Otmar Weiß, Sportsoziologe an der Universität Wien. Wie diese konkret ausgelebt werden, hängt von den dominanten Werten einer Gesellschaft ab: „Auch bei den Inuit in Alaska gibt es Spiele und Ablenkungen, die aber einen ganz anderen Charakter haben. Im Vordergrund steht nicht das Wettkampfelement oder der Sieg, sondern Kooperation und Geschicklichkeit.“



Sportifizierung der Gesellschaft

Sport ermöglicht essentielle Formen der Körper- und Selbsterfahrung und übernimmt Aufgaben im Bereich der Sozialisation. Nicht nur wegen der Sportartikel oder des Tourismus ist er ein bedeutender Wirtschaftsfaktor mit positiven Wachstumsraten. Körperliche Aktivität sorgt durch die Vermeidung chronischer Erkrankungen für niedrigere Kosten im Gesundheitssystem, selbst wenn man Behandlungs- und Folgekosten von Sportunfällen einrechnet, erklärt Norbert Bachl, Direktor des Österreichischen Instituts für Sportmedizin.

Auch im Bereich der individuellen und kollektiven Sinnstiftung ist Sport bedeutsam: der Slogan „Rapid ist eine Religion“ ist ein gutes Beispiel für diese These. Egal, ob wir Sport betreiben oder nicht, er ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Sport findet sich in den Medien, unserer Kleidung, unserer Sprache und ist zunehmend auch ein Teil unserer Identität.

„Er übernimmt immer mehr Funktionen, die früher anderen Bereichen wie Familie oder Religion vorbehalten waren. Generell ist Sport aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken“, resümiert Weiß. Ob man aber tatsächlich davon sprechen kann, dass Teilbereiche der Gesellschaft den Idealen des Sports (und wenn ja, welchen?) immer ähnlicher werden, ist strittig. Unter dem Begriff der „Sportifizierung“ oder „Sportisierung“ wird diese Annahme diskutiert. Die Wechselwirkungen zwischen Sport und anderen Gesellschaftsbereichen sind jedoch eindeutig festzustellen. „Sport ist Teil von sozialem Wandel und gleichzeitig ein Indikator für diesen“, wie Georg Spitaler, Politikwissenschafter der Universität Wien und Redakteur des Fußballmagazins ballesterer erklärt.



In der Verbesserungstretmühle

Gerade soziale Individualisierungstendenzen in den Neunzigerjahren lassen sich gut an der Veränderung des Sports festmachen. Es nimmt die vereinsmäßige Organisation des Sports ab zugunsten von sportlichen Aktivitäten, die diese nicht voraussetzen, Stichworte Fitnesscenter oder Laufen. Sowohl in der Erwerbsarbeit als auch im Sport lassen sich diese Muster der Eigenverantwortlichkeit, Selbstführung und -organisation erkennen – eine Individualisierung der Sorge um das eigene Wohlergehen:

„Einzelne Aufgaben, die früher vom Staat übernommen wurden, werden in die Körper der einzelnen Bürgerinnen und Bürger hineinverlagert – als eine Form der Selbstregierung, um mit Foucault zu sprechen“, sagt Spitaler. Im 1997 erschienenen Song „Fitter Happier“ liefert die Band Radiohead eine Zusammenfassung dieser Tendenzen und den deutlichen Hinweis darauf, dass die Individualisierung eine neue Form von Druck erzeugt: Das beständige Arbeiten an sich selbst, an der eigenen Produktivität und Leistungsbereitschaft, als Strampeln in der Verbesserungstretmühle.

Körperliche Ertüchtigung und Sport sind ein zentraler Eckstein davon: Die körperliche Fitness soll die ökonomische sicherstellen, Selbstdisziplin im Sport beweisen, dass man das auch im Job kann. Aus ästhetischer Perspektive mag Karl Lagerfelds Diktum „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, plausibel erscheinen. Doch die Tendenz geht eher in eine andere Richtung: Wer keine trägt, keinen Sport betreibt, hat die Kontrolle über sein Leben aufgegeben.



Sportliche Metaphern

Vor allem in der Sprache werden diese Ideale des Sports in Metaphern besonders häufig beansprucht. Hier zeigen sich aber auch die Grenzen der Sportifizierungsthese.

Die verwendeten Metaphern beziehen sich vornehmlich auf den Leistungssport, der ganz andere Ziele als der Breitensport verfolgt. Die Idee von Leistung, die dem Leistungssport innewohnt, ist die Vorstellung einer ständigen Steigerungsfähigkeit, die kapitalistischen Strukturen zu entsprechen scheint. Es geht nicht darum, eine Pflicht zu erfüllen, sondern immer darum, etwas Dagewesenes zu übertrumpfen, etwas noch nie Dagewesenes zu erreichen. Tobias Werron, Soziologe an der Universität Bielefeld, sagt dazu: „Ein moderner Wert wird im Sport zur Schau gestellt, also zur Anschauung gebracht. Das setzt natürlich voraus, dass sich die Sportler diesem Leistungsprinzip unterwerfen. Es ist aber noch einmal eine andere Frage, ob sich jene, die sich das anschauen, dieses Leistungsprinzip dann auch wirklich zu Eigen machen.“

In den Metaphern des Sports wird diese Idee genauso wie der soziale Zusammenhalt für ein gemeinsames Ziel transportiert. Werron zeigt sich aber skeptisch, ob mit dieser Sportsemantik von Konkurrenz und Leistungsdruck auch gleichzeitig die Leistungsidee und mit dieser die Disziplin, die sportliche Erfolge voraussetzen, importiert werden.



Zu wenig Sport

Auch im Breitensport stößt die These der Sportifizierung der Gesellschaft an Grenzen: Ein Großteil der Bevölkerung ist nicht körperlich aktiv.

Als körperlich aktiv gilt, wer zumindest dreimal pro Woche ins Schwitzen kommt. Laut Statistik Austria trifft das auf ein Drittel der Männer und nahezu ein Viertel der Frauen zu. Dabei spielt die regelmäßige sportliche Betätigung eine entscheidende Rolle bei der Gesundheitsvorsorge, erklärt Bachl: „Als Sportmediziner kann ich nur sagen, dass die gesundheitliche Wirkung von Breitensport uneingeschränkt positiv ist und zwar unabhängig von Alter oder Geschlecht und unabhängig von den meisten chronischen Erkrankungen.“

Auch bei fast allen Rehabilitationsprogrammen für chronische Erkrankungen sind Sport und körperliche Aktivität ein wesentlicher Bestandteil. „Die epidemiologischen Untersuchungen weltweit konnten zeigen, dass die Gesamtmortalität durch das grüne Rezept „Exercise Prescription for Health“ zwischen 25 und 40 Prozent gesenkt werden kann. Das ist nicht bei allen Erkrankungen gleich, aber selbst bei Karzinomen liegt der Wert bei 20 bis 30 Prozent. Und bei kardiovaskulären Erkrankungen sogar bei 40 Prozent“, sagt Bachl.

Im Kern sieht dieses grüne Rezept eine tägliche körperliche Aktivität im Ausmaß einer halben Stunde und zwei- bis dreimal die Woche eine Aktivität mit höherer Intensität, also Sport, vor. Aktuell gilt dies als die wissenschaftlich effektivste Kombination in der Prävention – selbst wenn Menschen ohne Trainingskonzept trainieren.

„Wenn jemand allerding falsch trainiert, hat er nicht nur einen geringen Effekt, sondern riskiert auch Überlastungserscheinungen bzw. Verletzungen und muss behandelt werden“, erklärt Bachl. Laut der Unfallstatistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit waren das im Jahr 2011 197.400 Personen. Den mit einem Viertel größten Anteil daran hat neben Fußball und Radfahren das Skifahren. Auch an der Unfallstatistik zeigt sich: Österreich ist eine Ski-Nation.



Österreich, die Ski-Nation

Den hohen Stellenwert, den Skifahren heute genießt, hatte es in Österreich nicht immer. „Als Nationalsport setzt sich Skifahren zu Beginn der Zweiten Republik durch. Es gab natürlich auch Skistars in der Zwischenkriegszeit. Aber damals war das Pro-blem, dass Skilaufen deutschnational geprägt war und einige der Skifahrer darin verwickelt waren“, erklärt Spitaler.

Erst als die großdeutsche Anbindung verlorenging, konnte Skifahren ein Baustein der nationalen Identität Österreichs werden. Zum Durchbruch als Nationalsport bedurfte es jedoch noch einer medialen Verankerung. „Seit den Siebzigern hat man das Fernsehen als Generator. Auch mit einer extremen Präsenz, denn damals gab es nur zwei Fernsehkanäle. Den Abfahrtslauf, bei dem Franz Klammer 1976 in Innsbruck Olympiasieger wurde, haben damals wohl fast alle im Fernsehen gesehen und wissen noch, wo sie das gesehen haben“, sagt Spitaler.

Voraussetzung für dieses gemeinsame Erleben ist die Identifikation mit den Sporthelden, erklärt Weiß: „Durch diese kann man selbst zu einer tiefen Erfüllung und zu einem Erlebnis gelangen, das ähnlich ist, als wäre man selbst Teilnehmer an diesem Ereignis.“

Da das Miterleben bei sogenannten Nationalsportarten kollektiv passiert, ergeben sich daraus gemeinsame Geschichten. Diese werden zum Allgemeingut und so zu einem Element einer kollektiven Identität. Es kommt also zu einer Sportifizierung nationaler Identität. Spitaler meint, es sei selbst im Kontext der Europäisierung zu sehen, dass über Sport nach wie vor nationale Stereotypen produziert werden.



Sport als Integrationsmaschine?

Auch Werron schlägt in diese Kerbe: „Ich glaube, die Bedeutung von Sport als Bühne, auf der nationale Differenzen ausgetragen, gefeiert und kritisiert werden können, ist gar nicht zu überschätzen.“

In diesem Kontext mag es widersinnig erscheinen, dass Sport in den letzten Jahren vermehrt Bedeutung als Integrationsmechanismus gewinnt: „Es ist eine Möglichkeit, aber eine riskante. Es kann auch ins Gegenteil umschlagen, weil sich im Wettkampf eben potenzielle Gegner, Konfliktparteien und im schlimmsten Fall Feinde gegenüberstehen.“

Weiß beurteilt die Möglichkeiten, Menschen mit Migrationshintergrund durch Sport zu integrieren, durchwegs positiv: Sport verfüge über klare Symbole und sei einer der wenigen Bereiche, in denen die Eigenleistung des Menschen sichtbar, vergleichbar und nachvollziehbar ist. „Wenn es gelingt, Personen mit Migrationshintergrund am Sport teilhaben zu lassen, dann bekommen sie Anerkennung für ihre Leistungen. Und Anerkennung heißt gleichzeitig Integration“, resümiert Weiß.

Spitaler ist vorsichtiger und warnt vor einem Begriff von Integration, der Erfolg und Leistung zu deren Bedingung werden lässt. Prägnantes Beispiel dafür ist sicherlich die Krone-Schlagzeile „Ivo jetzt bist du ein echter Österreicher“, nachdem Ivica Vastic bei der Fußball-WM 1998 den Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen Chile erzielte.



Nackte, schöne Sportlerinnen

Über Sport werden aber nicht nur Nationalitäten, sondern auch Geschlechteridentitäten verhandelt. Laut Rosa Diketmüller, Sportwissenschafterin an der Universität Wien, sind vor allem jene Sportarten medial präsent, die typische Geschlechterbilder wiedergeben.

Sportarten, die klassischen Rollenbildern zuwider laufen, wie das aus dem Amerikanischen stammende Rollerderby, seien deshalb medial kaum präsent. „Man überträgt bei Olympischen Spielen in jedem Fall Beach-Volleyball, weil dabei schöne Körper sichtbar werden“, sagt Diketmüller. Die Körper von Frauen werden sexualisiert dargestellt, um den Sport besser vermarkten zu können. So erließ der Beachvolleyball-Dachverband FIVB anlässlich der Olympischen Spiele eine offizielle Bekleidungsvorschrift: Die Shorts der Frauen durften seitlich nur maximal sieben Zentimeter breit sein. Mittlerweile wurde diese Regelung aus Rücksichtnahme auf religiöse Beweggründe wieder gekippt.

Während diese Anpassung an gängige Geschlechterbilder verordnet war, setzten anlässlich der Frauen-Fußball-WM einige Spielerinnen des deutschen Teams diesen Schritt selbst. Sie posierten für den Playboy, um das „Mannweiber-Klischee“ zu wiederlegen, erklärte die Spielerin Kristina Gessat. „Die Botschaft ist: Seht her, wir sind ganz normale und hübsche Mädels.“



Richtige Männer

Im Männerfußball scheint die Sache jedoch etwas anders zu sein. Laut Spitaler sind dort Geschlechterbilder vorherrschend, die nicht den Mittelklasse-Männlichkeitsmodellen von Managern oder Bankern entsprechen: „Die sieht man im Fußball auch in den Führungsetagen. Doch präsenter sind andere Männlichkeitsbilder, vornehmlich der Working-Class.“

Fußball, so seine These, ermöglicht es unterschiedlichsten Männern, sich selber unabhängig vom eigenen Aussehen oder der sozialen Stellung männlich zu machen, und zwar allein dadurch, sich zu Fußball zu bekennen: „Wenn du dich als Fußballfan outest, stellt niemand deine Männlichkeit in Frage.“ Die Kehrseite davon ist eine zumindest symbolische Homophobie – „schwul“ ist letztlich eine Metapher für unmännlich. Paradoxerweise ist die Geschichte des Fußballs auch eine von weinenden Männern – Fans und Spielern. Man kann vielleicht sagen, Sport bietet die Möglichkeit, geschlechtsspezifisch unangebrachte Verhaltensweisen zu erproben, bleibt in deren Bewertung aber ambivalent. Es spricht einiges dafür, dass sich die Männlichkeitsbilder im Fußball verändern. „Fußball ist in eine globale Unterhaltungskultur einbezogen, die in anderen Bereichen bereits viel aufgeklärtere Männlichkeitsbilder transportiert“, sagt Spitaler.

Gleichzeitig gibt es vonseiten der Verbände, Vereine und Fans Bemühungen, Rassismus, Sexismus und Homophobie zu bekämpfen. Sowohl Spitaler als auch Werron erkennen eine Veränderung der Fankultur. Dies steht im Zusammenhang mit einer Annäherung von Sport und Jugendkultur. Sport stand lange Zeit für das miefige Lebensmodell einer Nachkriegsgeneration: Erfolg baut auf harte Arbeit und Training. Jugendkultur war der Gegenpol: Glück ist eine Frage der richtigen Musik und der richtigen Drogen. Zumindest für den deutschsprachigen Raum lässt sich festhalten, dass dieses Verhältnis in den Neunzigern aufzubrechen begann.



Sport und Politik

Sport und vor allem Fußball hat für viele Jugendliche und auch Intellektuelle an Anziehungskraft gewonnen, was sich in einer neuen Fankultur widerspiegelt. Werron sagt dazu: „Sie sind spezifisch sportpolitisch politisiert. Nicht unbedingt im breiteren Sinne. Aber sie sind sich ihrer Stellung und Einflussmöglichkeiten deutlich stärker bewusst als frühere Fangruppen und stärker gewillt, das auch gezielt einzusetzen.“

Auch Spitaler streicht heraus, dass im Rahmen dieser neuen Fankultur Themen im Kontext des Fußballs und Vereins diskutiert werden, die genuin politisch sind. Es geht um Fragen der Zugehörigkeit, um Besitzstrukturen der Vereine und die Frage, mit welchen Mitteln legitim Erfolg erzielt werden kann. „Ist es eine postdemokratische Entwicklung, wenn diese Fragen im Rahmen des Sports und nicht mehr am politischen Feld diskutiert werden?“

Doch die jüngere Vergangenheit zeigt, dass Erfahrungen in postdemokratischen Entwicklungen für demokratisierende Bewegungen sehr wertvoll werden. Am Tahrir Platz in Kairo haben die Fans von Al-Ahwy sich den Polizeitruppen entgegengestellt. Auch in Istanbul beginnen die Fans von Beşiktaş, Fenerbahçe und Galatasaray, sich den Protesten anzuschließen. Manchmal ist der Sport eben auch Training für eine neue Gesellschaft.


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Sport und Gesellschaft (3/13)

Interpretationsgeschichte des Korans

Warum der Koran nicht wortwörtlich zu nehmen ist, sondern stets neu interpretiert werden muss.

Der Koran ist kein geschriebener Text, sondern mündlicher Vortrag. Bis weit ins 20. Jahrhundert war nicht der geschriebene Text autoritativ, sondern die gelebte Rezitation, der improvisierte Text. Das ist der Koran“, sagt der Orientalist Navid Kermani. Er betrachtet den Koran nicht als ein Schriftstück, sondern als die Geschichte seiner eigenen Interpretation.

Der Koran ist, anders als die Bibel, kein Text über Gott, sondern Gott spricht im Koran in erster Person. Darum sei eine menschliche Interpretation notwendig. Der Koran gilt so als die Geschichte seiner eigenen Interpretation, Mohammed sei sein erster Interpret gewesen.

Eine klassische Koraninterpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert folgt einem wiederkehrenden Schema. Dem Koran-Vers folgen verschiedene Interpretationen, die mit der Floskel „Es wird gesagt, dass …“ eingeleitet werden. Auf sechs oder sieben unterschiedliche Interpretationen folgt die eigene Auslegung des vortragenden Interpreten, die mit der Formel „Aber Gott weiß es besser“ abgeschlossen wird. Eine wortwörtliche Auslegung des Korans ist also völlig antithetisch. Was der Vers wirklich meint, würde letztlich ja nur Gott wissen.

Für die Verschriftlichung des Islams gibt es mehrere Gründe. Die orthodoxe Islaminterpretation sei im Lauf des 18. Jahrhunderts immer mehr an ihren eigenen Regeln erstarrt. Die Renaissance der arabischen Hochsprache trug dazu bei, dass nun jeder den Koran verstehen konnte, während dieser gleichzeitig als gedruckter Text weite Verbreitung fand.

Die Demokratisierung des Zugangs zum Koran schuf erst die Möglichkeit, die Deutungshoheit der orthodoxen Islaminterpretation herauszufordern. „Die Muslim-Brüder-Bewegung ist nicht in den Moscheen, sondern in der Ingenieurkammer und unter den Ärzten in den Krankenhäusern entstanden“, sagt Kermani. „Man wollte zurück zur reinen Schrift und das hat zu reformatorischen Bewegungen ebenso geführt wie in den Fundamentalismus. Der ist ursprünglich aus einer Reformbewegung entstanden und wollte den ganzen Ballast der Tradition abwerfen.“

Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Sport und Gesellschaft (3/13)

Dienstag, 4. Juni 2013

Fairdreht – mit dem Markt gegen den Markt

Dem Kirchengruppen- und Pfarrcafé-Dasein ist der faire Handel mittlerweile entwachsen. Die der Idee innewohnende Spannung, über den Markt dessen Auswirkungen bekämpfen zu wollen, ist aber geblieben.

BILD Fairtrade Österreich / Stefan Lechner - Kaffeebohnen in Costa Rica
»Fairer Handel hat als subversive Idee angefangen: Solidarität mit nationalen Befreiungsbewegungen, wie zum Beispiel bei Nicaragua-Kaffee, und die Forderung nach gerechten Weltmarktstrukturen«, erklärt Oliver Pye, Südostasienforscher an der Universität Bonn. Bricht diese enge Bindung an sozialen Bewegungen weg, dann werde fairer Handel vorwiegend zu einer »professionellen Vermarktungsstrategie«, die hierzulande nicht mehr primär an politischer Aktion, sondern an entpolitisierten Kaufentscheidungen anknüpft.
Die Nachfrage nach einem Konsum mit gutem Gewissen wächst. Mit dieser auch Fairtrade, eine der ersten und größten Organisationen in diesem Bereich, die überdies ihr 20-jähriges Jubiläum in Österreich feiert. »Knapp 1.000 Kleinbauernkooperativen und Plantagen arbeiten weltweit unter den Fairtrade-Standards. Das sind rund 7,5 Millionen Menschen in 66 Ländern, die vom fairen Handel profitieren«, führt Veronika Polster, Pressesprecherin von Fairtrade Österreich, aus. Der weltweite Gesamtumsatz liegt mittlerweile über fünf Milliarden Euro.

Rohstoffexport aus dem Süden
»Mehr Wertschöpfung im Süden zu schaffen, ist nach wie vor erklärtes Ziel des Fairen Handels«, sagt Antje Edler, Geschäftsführerin Forum Fairer Handel. Der Export landwirtschaftlicher Rohstoffe – es gibt Ausnahmen wie pakistanische Fairtrade-Sportbälle – ist aber vorherrschend. Ein Gros der Veredelung und damit der Wertschöpfung findet in den Absatzmärkten statt. Gegen eine Weiterverarbeitung im Süden sprechen oftmals praktische Hindernisse oder geringe Rentabilität, vor allem aber auch protektionistische Strategien in den Importländern. »Vielen Produzentengruppen bleibt nichts anderes übrig, als Rohstoffe zu exportieren, wenn sie überhaupt den Markteintritt in den Industrieländern schaffen wollen«, resümiert Veronika Polster. Zölle auf Rohstoffe sind meist gering, für weiterverarbeitete Produkte dagegen ungleich höher. Zusätzlich stützen die Industriestaaten ihre eigene Agrarproduktion mit riesigen Summen: die EU-Agrarsubventionen betragen beinah das Neunfache des weltweiten Fairtrade-Umsatzes.

Mehr Markt, weniger fair?
Nicht nur der Protektionismus der Industriestaaten gibt Anlass zur Kritik. »Dass Lidl und Dole auch Fair-Produkte führen und verkaufen, ist eine Perversion des fairen Handels. Strukturelle Ausbeutung wird damit fortgeführt und mit dem Label dann noch legitimiert«, kommentiert Oliver Pye die Fairtrade-Kooperation mit Konzernen. Dole würde nun neben der klassischen »Ausbeutungsbanane« auch fair gehandelte vertreiben. Auch bei Lidl liegen die Dinge ähnlich: Folgt man der Gewerkschaft Verdi, dürfte der Diskonter selbst nie ein solches Zertifikat erhalten. Lidl ist für seine Anti-Gewerkschafts-Politik bekannt – mit Fairtrade-Statuten zwar unvereinbar, aber dennoch unerheblich: Es werden Produkte und nicht Unternehmen zertifiziert. Die Zusammenarbeit mit Konzernen öffnet zwar größere Märkte, bindet den Fairen Handel aber auch stärker an eine Logik, deren Auswirkungen man eigentlich bekämpfen will.
So sorgt auch die Möglichkeit eines Zertifikaterwerbs durch Plantagen für Bedenken. Dazu habe man sich entschieden, so Verena Polster, »um die problematischen Produktionsbedingungen in diesem Bereich zu verbessern und dem Bedürfnis von Millionen von Landarbeitern nach besseren Lebensbedingungen gerecht werden zu können.« Kaffee- und Kakaoanbau bleibt aber auf Kooperativen beschränkt. Der Markt könne ein Mehrangebot durch Plantagen-Produktion nicht aufnehmen. Das würde ansonsten zu einer Schwächung der Stellung von Kleinbauern führen. Die Studien von Maria Tech, Soziologin an der Ruhr-Universität Bochum, zur Roiboos-Teeproduktion in Südafrika zeigen, dass das in Sektoren mit paralleler Kooperativen- und Plantagen-Produktion eine reale Gefahr ist.

Organisation als Gegenmacht
Die Stärke von Fairtrade liegt vielleicht gerade in jenen Aspekten, die weiter von der Marktlogik entfernt sind oder ihr entgegenlaufen. Durch den Fairtrade-Preis werden Zwischenhändler ausgeschaltet, die Schwankungen des Weltmarkts abgeschwächt und Projekte finanziert, die ganzen Communities zugute kommen. Antje Edler hebt aber auch  die Rolle der Organisation der Bauern als zentrales Entwicklungsinstrument im Sinne eines »Empowerment« hervor. Die Anregung zur Selbstorganisation der Produzierenden ist für Sebastian Nessel, Soziologe an der Universität Graz, der wertvollste Beitrag zu gerechteren Verhältnissen. Damit wird nicht nur die Marktmacht der Produzierenden gestärkt – es entstehen darüber hinaus neue Initiativen, Einkommens- und Absatzmöglichkeiten. Die Stabilisierung von Lebensverhältnissen sei aber nicht genug, um einer Fortschreibung bestehender Klassen- und Geschlechterverhältnisse entgegenzuwirken, so Nessel. Es brauche Perspektiven, schreibt Hanns Wienold, Soziologe an der Universität Münster, um eine Lebensform, die Menschen nicht freiwillig gewählt haben, zu überwinden. In Bezugnahme auf Marx erklärt er diesen Anspruch: »Klar war er darin, dass eine Welt nicht gerecht sein kann, in der einige ihr Leben lang Kaffee, zu welchem Preis auch immer, für andere produzieren.«



Erschienen in Biorama #24 und hier.
 

Mittwoch, 29. Mai 2013

Wissenschaftskommunikation

Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse heutzutage für Furore sorgen, dann nur mehr selten in der Form eines Buches. „Journals“, also wissenschaftliche Fachzeitschriften, haben das Buch im innerwissenschaftlichen Diskurs verdrängt. Verlage machen mittlerweile gute Geschäfte durch den Verkauf einzelner Artikel über das Internet.



Wissenschaftsverlage kassieren ab

„Bücher zählen nicht mehr. Online sucht man nach einzelnen Schlagwörtern. So verschwindet die Darstellung von Wissenschaft als kohärente Packages“, erklärt Alice Vadrot, Politikwissenschafterin der ICCR-Foundation und Mitherausgeberin der Zeitschrift Innovation – The European Journal of Social Science Research. Ihre Erfahrung damit fällt zwiespältig aus: „Es ist schon toll, eine Zeitschrift zu machen. Aber es ist ein Markt geworden.“ Sie erzählt davon, dass einige renommierte Verlage dazu drängen, gefragte Themen zu lancieren. Umgekehrt versuchen Wissenschafter auch unausgereifte Artikel zu publizieren, um ihre eigene Marktposition zu verbessern oder Publikationsquoten zu erfüllen.

In diesem Dreieck aus Herausgeber, Wissenschafter und Verlagen sind die ökonomischen Gewinner schnell ausgemacht: „Geld machen die Verlage. Wir verdienen kaum Geld mit Publikationen. Seriöse Verlage zahlen zwar Tantiemen, die fallen aber kaum ins Gewicht. Die Wissenschafter müssen mitspielen. Sie halten die Maschine am Laufen, haben aber außer Prestige und Konkurrenzdruck nichts davon“, sagt Vadrot und setzt fort: „Natürlich haben Wissenschafter auch ein Interesse daran, ihre Erkenntnisse an die wissenschaftliche Öffentlichkeit zu bringen. Ebenso klar ist, dass kommerzielle Verlage damit Gewinn machen wollen. Ohne kommerzielle Verlage wäre die Chance deutlich geringer, publiziert zu werden.“



Publikation bestimmt Forschung

Die Publikation von Papers in Journals gewinnt immer mehr an Bedeutung und verändert die wissenschaftliche Praxis von Grund auf. Für Lisa Sigl, Wissenschaftsforscherin am Österreichischen Institut für Internationale Politik, ist das nicht nur in ihrem Alltag ersichtlich. Sie dissertierte mit einer Untersuchung über Arbeitskulturen in den Lebenswissenschaften, wo Dissertationen bereits meist „kumulativ“ sind: „Das heißt, diese besteht aus drei Papers, die in Zeitschriften veröffentlicht werden und dann – versehen mit einer Einleitung und einer Zusammenfassung – die Dissertation ausmachen. Solche Formen der Publikationstätigkeit sind mittlerweile stark integriert in den Ablauf wissenschaftlicher Qualifikationen.“ Doch nicht nur die Form wissenschaftlicher Qualifikation, sondern auch die Fragestellungen der Forschung werden an diesen Publikationsdruck angepasst. „Man versucht halt immer auch publizierbare Pakete zu schnüren. Da die fast immer gleich groß sind, ist vielleicht manchmal der Raum, größere Fragen beantworten zu können, nicht da“, führt Sigl aus.

Der Projektcharakter wissenschaftlicher Forschung würde aber auch dazu hinleiten, nur Fragen zu stellen, die auch in einem geförderten Zeithorizont beantwortbar sind. Projekte dürften aber so gut wie nie länger als drei Jahre dauern. Forschungsinhalte orientieren sich daher nicht nur an innerwissenschaftlichen Diskursen. Sie werden zunehmend auch durch Projektförderung und Publikationsfähigkeit bestimmt.



In der Publikationsmühle

Dies bringt auch für jene, die Papers und Artikel schreiben, große Umwälzungen mit sich. Die Menge der Publikationen und die Reputation der Journals, in denen man veröffentlicht, entscheiden vor allem bei jungen Akademikern über das wissenschaftliche und finanzielle Überleben. Problematisch ist dabei nicht das Publizieren an sich, sondern die Frequenz, mit der publiziert werden soll. Dazu Lisa Sigl: „Entstanden sind diese quantitativen Qualitätskriterien eher in naturwissenschaftlichen Fächern, wo Systeme eingeführt wurden, um wissenschaftliche Leistungen zu quantifizieren und, darauf aufbauend, Förderentscheidungen zu treffen.“

Vonseiten des FWF wird darauf verwiesen, dass alle Förderentscheidungen auf qualitativen Gutachten basieren. So ganz glaubt man das in der wissenschaftlichen Community aber nicht. „Ich würde beim FWF keinen Antrag einreichen, wenn ich nicht bereits irgendwo ein oder zwei gute Artikel publiziert hätte“, sagt Sigl.



Selbstausbeutung, um zu bestehen

Leistung wird vermehrt an der Menge von Publikationen gemessen. Und die entscheidet über die Besetzung universitärer Stellen oder die Vergabe von Fördermitteln. Dies lässt den Konkurrenz-, Arbeits- und Zeitdruck weiter ansteigen.

Sigl meint dazu: „Ich glaube, dass sich die Arbeitsverhältnisse dahingehend verändern, dass die Menschen zunehmend beginnen, sich selbst auszubeuten, um im System bestehen zu können.“ Alice Vadrot merkt an, dass es für Wissenschafter natürlich großartig ist, sich in Debatten einzuklinken und überhaupt wissenschaftlich arbeiten zu können.

Doch auch sie zweifelt daran, ob dies tatsächlich alles andere aufwiegt: „Möchte ich in diesem Spiel mitspielen? Das kann heißen, sich einerseits auf diesen ganzen Publikationsirrsinn einzulassen und/oder sich ganz klar einer Schule zuzuschreiben, einer Theorie oder einer Entwicklung.“ In der außeruniversitären Forschung gehe es um Durchführung anwendungsorientierter Projekte unter zeitlichem und finanziellem Druck. Für eine theoretische Durchdringung der Themen bleibe dabei kaum Zeit.



Nicht immun gegen Dummheit

Was Vadrot aber andeutet, ist, dass sich Wissen nicht bloß durchsetzt, weil es fundierter ist. Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle, gibt Michael Arnold, Philosoph an der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, zu bedenken: „Wissenschafter sind gegenüber der Macht nicht immun, leider nicht einmal gegen Dummheit. Aber die Wissenschaft als Institution mit ihren Disziplinen und ihrer Peer-Review hat das Ziel, Erkenntnisse zu produzieren. Sie ist an der Wahrheit interessiert – auch wenn sie in die Irre gehen sollte.“

Für Vadrot erschließen sich all diese Aspekte in dem Konzept der epistemischen Selektivität. Sie geht davon aus, dass ein spezifischer sozialer Kontext empfänglicher für spezifische Inhalte, Kommunikationsmittel oder Ausdrucksformen ist als für andere. Forscher in diesem Kontext streben danach, sich in Debatten durchzusetzen und wollen, dass ihr Wissen beachtet und auch umgesetzt wird. Dazu stellen sie mehr oder minder bewusst Überlegungen über das Funktionieren dieses Kontexts an, um darin erfolgreich handeln zu können.



Wirkung auf die Politik

Erforscht hat sie dies im Rahmen ihrer Dissertation, die sich mit der Biodiversitätsdebatte beschäftigt. Der Begriff, der erst Mitte der Achtzigerjahre entstanden ist, meint als Artenvielfalt nicht nur die Vielfalt zwischen, sondern auch jene innerhalb der Arten – genetische Vielfalt – sowie die Vielfalt der Ökosysteme. Die Erhaltung der Biodiversität gilt als entscheidende Grundlage für das Wohlergehen der menschlichen Zivilisation. Die Umsetzung der Erkenntnisse der Biodiversitätsforschung blieb aber weitgehend aus. Auch in der breiteren Öffentlichkeit wird das Thema eher als Nebenschauplatz der Klimadebatte wahrgenommen.

Die auch dort umstrittene, aber gängige Inwertsetzung von Natur, etwa in Form von CO2-Zertifikaten – kontingentierte Luftverschmutzungsrechte –, fand Nachahmer in der Biodiversitätsforschung: Man begann die Kosten des Artensterbens zu bilanzieren, denn, so Vadrot: „Man glaubt, wenn man Politikern klar macht, dass man Natur einen monetären Wert geben kann, dass sie dann eher bereit sind, Politik zu implementieren.“ Dieser Zugang, wenngleich in der Scientific Community nach wie vor umstritten, begann sich tatsächlich in der Politik durchzusetzen, wo auch die Fördergelder liegen. Damit versucht sie zu verdeutlichen, dass Forscher ein Bewusstsein dafür ausbilden, dass jene Strategien erfolgreicher seien, die an dominanten Diskursen andocken können.



Gegen gelangweilte Gesichter

Wissenschafter kommunizieren jedoch nicht nur mit sich selbst, weiß Beatrice Lugger aus ihren Seminaren. Sie ist stellvertretende wissenschaftliche Direktorin am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation in Karlsruhe. Die Auslastung des Instituts legt nahe, dass viele Wissenschafter einen gewissen Nachholbedarf sehen – der Großteil kommt aus eigener Initiative.

Viele von denen, die ihre Seminare besuchen, berichteten, dass sie bereits mit fachfremder Öffentlichkeit über ihre Arbeit gesprochen hätten, sei es mit Journalisten, mit Laien oder Kindern am Tag der offenen Tür.

In den Seminaren geht es vor allem um Grundlagen der Wissenschaftskommunikation: Schreiben, Vorträge, Interviews, Social Media. Im Fokus steht dabei die Sensibilisierung für das jeweilige Publikum: „Es wäre widersinnig, ein Seminar nur mit Fokus auf eine Zielgruppe anzubieten. Es gilt vielmehr, ganz allgemein das Bewusstsein für eine zielgruppenorientierte Kommunikation zu schärfen: Also, dass man ein und dieselbe Nachricht für unterschiedliche Zielgruppen entsprechend verpackt.“

Dies bedeutet, das Vorwissen des Publikums in der Sprachwahl zu berücksichtigen und klar und verständlich zu kommunizieren. „Gelingt das nicht, gibt es enttäuschte oder gelangweilte Gesichter“, erklärt Heinz Oberhummer, Physiker der Wissenschaftskabarettisten Science Busters: „Menschen sind oft frustriert, wenn sie populärwissenschaftliche Veranstaltungen besuchen und dann einiges nicht verstehen. Diese sind für die Wissenschaft verloren, weil sie nun überzeugt sind, es sei für sie unverständlich.“



Populärwissenschaftliche Irrtümer

Neben Klarheit in der Kommunikation gilt es aber auch zu überlegen, welches Wissen für wen relevant ist. Arnold sagt dazu: „Die Nachricht, aus der Perspektive der Wissenschaft sei etwas Wichtiges entdeckt worden, ist für niemanden außerhalb eines Forschungsinstituts interessant. Die zentrale Frage jeder Popularisierung von Wissenschaft ist: Kann die Zielgruppe mit dem Wissen etwas anfangen?“

Es gilt immer mitzudenken, welche Nachricht ein Gegenüber interessiert. „Fachkollegen begeistert etwas völlig anderes als eine junge Schülerin beim Tag der offenen Tür, die beim Forscher im Labor steht“, sagt Beatrice Lugger. Und nicht jedes Wissen eignet sich für jedes Publikum, meint Markus Arnold. Er weist darauf hin, dass Menschen aktiv Wissen suchen, wenn es für sie Relevanz hat: „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man jede wissenschaftliche Erkenntnis populär machen kann, wenn man nur die richtige Form und das richtige Medium dafür findet. Es ist eher umgekehrt: Bürgerinitiativen zeigen, dass sich Bürger aktiv mit Forschungsergebnissen auseinandersetzen und sich das nötige Wissen aneignen, wenn ihnen klar ist, dass dieses Wissen für sie wichtig und interessant ist.“

Er betont aber auch, dass die soziale Seite des wissenschaftlichen Wissens nicht unterschätzt werden sollte. Oder, wie Martin Puntigam, Kabarettist und Conférencier der Science Busters, sagt: „Es ist wirklich erstklassiger Smalltalk-Stoff, mit dem man sich auf jeder Party wichtig machen kann, dass es nur so kracht.“

Warum das sogar mit Themen gelingt, deren Relevanz sich nicht immer sofort aufdrängt, liegt laut Puntigam an der Zusammensetzung der Busters: „Wenn ich Werner Gruber und Heinz Oberhummer überreden hätte müssen, auf die Bühne zu gehen, wäre es viel schwieriger gewesen. Aber da beide sich schon ins Rampenlicht gedrängt und nur noch jemanden gebraucht haben, der ihnen die Gesetze der Bühne beibringt und Witze zu ihren Expertisen erfindet, war es viel leichter.“



Nichts wissen heißt glauben

Puntigam lässt keinen Zweifel daran, dass der Hintergrund des Wissenschaftskabaretts nicht unernst ist: „Unser Motto, das wir Marie von Ebner-Eschenbach verdanken, verdeutlicht den Mehrwert. Es lautet: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Je mehr Menschen wissen, je leichter zugänglich und verständlich Information und Aufklärung sind, desto weniger Angst brauchen Menschen haben, desto schwieriger ist es, ihnen jeden Unsinn einzureden, sie einzuschüchtern und auszunehmen.“

Die Kommunikation von Wissenschaft dient nicht nur der Aufklärung der Menschen durch, sondern auch über Wissenschaft. Werner Gruber, Physiker bei den Science Busters, meint dazu: „Wissenschaftskommunikation, wie wir sie betreiben, kann zeigen: Wissenschaft ist kein geheimes Gebiet, in das sich nur Eingeweihte wagen dürfen, sondern sie ist für alle da. Wir alle profitieren von ihr, und schließlich wird sie ja auch von der Allgemeinheit bezahlt.“

Auch für Lugger geht es darum, den Dialog über Wissenschaft wieder in einer breiten Öffentlichkeit zu führen: „Wissenschaft prägt die Gesellschaft und insofern ist es wichtig, dass diese Gesellschaft von Anfang an grundlegenden Fragen beteiligt wird: Was wird eigentlich geforscht und was wünschen wir uns eigentliche für eine Forschung?“

Einen Beitrag dazu wird das Internet leisten, sind sich Arnold und Lugger einig. Das Netz bietet Möglichkeiten, Wissenschaft etwa über Videos anschaulich und niederschwellig zu erklären, soziale Netzwerke würde es auch erleichtern, junge Menschen zu erreichen, so Oberhummer. Als Indiz für diesen Trend kann der von der 23-jährigen Physikerin Elis Andrew betriebene Facebook-Blog „I Fucking Love Science“ gelten. Er behandelt unterschiedlichste Themen der Naturwissenschaften und hat mittlerweile mehr als 5,1 Millionen Fans.



Kommunikation braucht Können …

Was hält Wissenschafter davon ab, all die neuen Kanäle zu nutzen? Einerseits sind es fehlende Kompetenzen, wie Lugger andeutet. Wissenschaftskommunikation werde in der Ausbildung noch immer stiefmütterlich behandelt. Andererseits liegt dies aber auch im wissenschaftlichen Wertesystem begründet: Zeit, die nicht für Forschung und Publikation verwendet wird, ist verlorene Zeit – nur in Journals veröffentlichte Papers sind wertvolle Kommunikation, auf die Beteiligung an öffentlichen Debatten trifft dies daher nicht zu.

In europäischen Projekten wird Öffentlichkeitsarbeit vermehrt eingefordert. Dies funktioniert vor allem in gut budgetierten Projekten, die über Infrastrukturen und Ressourcen verfügen. Die damit oft einhergehende Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit in Form von Wissenschafts-PR löst das Problem mangelnder Kommunikation aber nicht. Arnold erklärt dies so: „Das Besondere der Wissenschafts-PR besteht darin, dass hier die Wissenschaft selbst meist gar nicht im Mittelpunkt steht, sondern eher der Name des Forschers oder – noch öfter – der Name der Forschungsinstitution bzw. des Forschungsförderers.“



… und darüber hinaus auch Zeit

Letztlich ist Wissenschaftskommunikation eine Frage vorhandener Zeitressourcen. „Überspitzt gesagt“, meint Lisa Sigl, „wenn die eigene Karriere eher davon abhängt, dass ich immer mehr und immer schneller Publikationen schreibe, dann werde ich nicht freiwillig Wissenschaftskommunikation betreiben, wenn es nicht von mir verlangt wird“. Es müsste daher darum gehen, den Arbeitsanfall der Wissenschafter so zu reduzieren, dass diese in die Lage versetzt werden, selbst Wissenschaftskommunikation betreiben zu können. Bei massivem Zeit- und Publikationsdruck ist es nur verständlich, wenn Wissenschafter davon Abstand nehmen, sich in öffentliche Debatten einzumischen.


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wissenschaftskommunikation. Wie bitte, was? (2/13)