Dienstag, 4. Juni 2013

Fairdreht – mit dem Markt gegen den Markt

Dem Kirchengruppen- und Pfarrcafé-Dasein ist der faire Handel mittlerweile entwachsen. Die der Idee innewohnende Spannung, über den Markt dessen Auswirkungen bekämpfen zu wollen, ist aber geblieben.

BILD Fairtrade Österreich / Stefan Lechner - Kaffeebohnen in Costa Rica
»Fairer Handel hat als subversive Idee angefangen: Solidarität mit nationalen Befreiungsbewegungen, wie zum Beispiel bei Nicaragua-Kaffee, und die Forderung nach gerechten Weltmarktstrukturen«, erklärt Oliver Pye, Südostasienforscher an der Universität Bonn. Bricht diese enge Bindung an sozialen Bewegungen weg, dann werde fairer Handel vorwiegend zu einer »professionellen Vermarktungsstrategie«, die hierzulande nicht mehr primär an politischer Aktion, sondern an entpolitisierten Kaufentscheidungen anknüpft.
Die Nachfrage nach einem Konsum mit gutem Gewissen wächst. Mit dieser auch Fairtrade, eine der ersten und größten Organisationen in diesem Bereich, die überdies ihr 20-jähriges Jubiläum in Österreich feiert. »Knapp 1.000 Kleinbauernkooperativen und Plantagen arbeiten weltweit unter den Fairtrade-Standards. Das sind rund 7,5 Millionen Menschen in 66 Ländern, die vom fairen Handel profitieren«, führt Veronika Polster, Pressesprecherin von Fairtrade Österreich, aus. Der weltweite Gesamtumsatz liegt mittlerweile über fünf Milliarden Euro.

Rohstoffexport aus dem Süden
»Mehr Wertschöpfung im Süden zu schaffen, ist nach wie vor erklärtes Ziel des Fairen Handels«, sagt Antje Edler, Geschäftsführerin Forum Fairer Handel. Der Export landwirtschaftlicher Rohstoffe – es gibt Ausnahmen wie pakistanische Fairtrade-Sportbälle – ist aber vorherrschend. Ein Gros der Veredelung und damit der Wertschöpfung findet in den Absatzmärkten statt. Gegen eine Weiterverarbeitung im Süden sprechen oftmals praktische Hindernisse oder geringe Rentabilität, vor allem aber auch protektionistische Strategien in den Importländern. »Vielen Produzentengruppen bleibt nichts anderes übrig, als Rohstoffe zu exportieren, wenn sie überhaupt den Markteintritt in den Industrieländern schaffen wollen«, resümiert Veronika Polster. Zölle auf Rohstoffe sind meist gering, für weiterverarbeitete Produkte dagegen ungleich höher. Zusätzlich stützen die Industriestaaten ihre eigene Agrarproduktion mit riesigen Summen: die EU-Agrarsubventionen betragen beinah das Neunfache des weltweiten Fairtrade-Umsatzes.

Mehr Markt, weniger fair?
Nicht nur der Protektionismus der Industriestaaten gibt Anlass zur Kritik. »Dass Lidl und Dole auch Fair-Produkte führen und verkaufen, ist eine Perversion des fairen Handels. Strukturelle Ausbeutung wird damit fortgeführt und mit dem Label dann noch legitimiert«, kommentiert Oliver Pye die Fairtrade-Kooperation mit Konzernen. Dole würde nun neben der klassischen »Ausbeutungsbanane« auch fair gehandelte vertreiben. Auch bei Lidl liegen die Dinge ähnlich: Folgt man der Gewerkschaft Verdi, dürfte der Diskonter selbst nie ein solches Zertifikat erhalten. Lidl ist für seine Anti-Gewerkschafts-Politik bekannt – mit Fairtrade-Statuten zwar unvereinbar, aber dennoch unerheblich: Es werden Produkte und nicht Unternehmen zertifiziert. Die Zusammenarbeit mit Konzernen öffnet zwar größere Märkte, bindet den Fairen Handel aber auch stärker an eine Logik, deren Auswirkungen man eigentlich bekämpfen will.
So sorgt auch die Möglichkeit eines Zertifikaterwerbs durch Plantagen für Bedenken. Dazu habe man sich entschieden, so Verena Polster, »um die problematischen Produktionsbedingungen in diesem Bereich zu verbessern und dem Bedürfnis von Millionen von Landarbeitern nach besseren Lebensbedingungen gerecht werden zu können.« Kaffee- und Kakaoanbau bleibt aber auf Kooperativen beschränkt. Der Markt könne ein Mehrangebot durch Plantagen-Produktion nicht aufnehmen. Das würde ansonsten zu einer Schwächung der Stellung von Kleinbauern führen. Die Studien von Maria Tech, Soziologin an der Ruhr-Universität Bochum, zur Roiboos-Teeproduktion in Südafrika zeigen, dass das in Sektoren mit paralleler Kooperativen- und Plantagen-Produktion eine reale Gefahr ist.

Organisation als Gegenmacht
Die Stärke von Fairtrade liegt vielleicht gerade in jenen Aspekten, die weiter von der Marktlogik entfernt sind oder ihr entgegenlaufen. Durch den Fairtrade-Preis werden Zwischenhändler ausgeschaltet, die Schwankungen des Weltmarkts abgeschwächt und Projekte finanziert, die ganzen Communities zugute kommen. Antje Edler hebt aber auch  die Rolle der Organisation der Bauern als zentrales Entwicklungsinstrument im Sinne eines »Empowerment« hervor. Die Anregung zur Selbstorganisation der Produzierenden ist für Sebastian Nessel, Soziologe an der Universität Graz, der wertvollste Beitrag zu gerechteren Verhältnissen. Damit wird nicht nur die Marktmacht der Produzierenden gestärkt – es entstehen darüber hinaus neue Initiativen, Einkommens- und Absatzmöglichkeiten. Die Stabilisierung von Lebensverhältnissen sei aber nicht genug, um einer Fortschreibung bestehender Klassen- und Geschlechterverhältnisse entgegenzuwirken, so Nessel. Es brauche Perspektiven, schreibt Hanns Wienold, Soziologe an der Universität Münster, um eine Lebensform, die Menschen nicht freiwillig gewählt haben, zu überwinden. In Bezugnahme auf Marx erklärt er diesen Anspruch: »Klar war er darin, dass eine Welt nicht gerecht sein kann, in der einige ihr Leben lang Kaffee, zu welchem Preis auch immer, für andere produzieren.«



Erschienen in Biorama #24 und hier.
 

Mittwoch, 29. Mai 2013

Wissenschaftskommunikation

Wenn wissenschaftliche Erkenntnisse heutzutage für Furore sorgen, dann nur mehr selten in der Form eines Buches. „Journals“, also wissenschaftliche Fachzeitschriften, haben das Buch im innerwissenschaftlichen Diskurs verdrängt. Verlage machen mittlerweile gute Geschäfte durch den Verkauf einzelner Artikel über das Internet.



Wissenschaftsverlage kassieren ab

„Bücher zählen nicht mehr. Online sucht man nach einzelnen Schlagwörtern. So verschwindet die Darstellung von Wissenschaft als kohärente Packages“, erklärt Alice Vadrot, Politikwissenschafterin der ICCR-Foundation und Mitherausgeberin der Zeitschrift Innovation – The European Journal of Social Science Research. Ihre Erfahrung damit fällt zwiespältig aus: „Es ist schon toll, eine Zeitschrift zu machen. Aber es ist ein Markt geworden.“ Sie erzählt davon, dass einige renommierte Verlage dazu drängen, gefragte Themen zu lancieren. Umgekehrt versuchen Wissenschafter auch unausgereifte Artikel zu publizieren, um ihre eigene Marktposition zu verbessern oder Publikationsquoten zu erfüllen.

In diesem Dreieck aus Herausgeber, Wissenschafter und Verlagen sind die ökonomischen Gewinner schnell ausgemacht: „Geld machen die Verlage. Wir verdienen kaum Geld mit Publikationen. Seriöse Verlage zahlen zwar Tantiemen, die fallen aber kaum ins Gewicht. Die Wissenschafter müssen mitspielen. Sie halten die Maschine am Laufen, haben aber außer Prestige und Konkurrenzdruck nichts davon“, sagt Vadrot und setzt fort: „Natürlich haben Wissenschafter auch ein Interesse daran, ihre Erkenntnisse an die wissenschaftliche Öffentlichkeit zu bringen. Ebenso klar ist, dass kommerzielle Verlage damit Gewinn machen wollen. Ohne kommerzielle Verlage wäre die Chance deutlich geringer, publiziert zu werden.“



Publikation bestimmt Forschung

Die Publikation von Papers in Journals gewinnt immer mehr an Bedeutung und verändert die wissenschaftliche Praxis von Grund auf. Für Lisa Sigl, Wissenschaftsforscherin am Österreichischen Institut für Internationale Politik, ist das nicht nur in ihrem Alltag ersichtlich. Sie dissertierte mit einer Untersuchung über Arbeitskulturen in den Lebenswissenschaften, wo Dissertationen bereits meist „kumulativ“ sind: „Das heißt, diese besteht aus drei Papers, die in Zeitschriften veröffentlicht werden und dann – versehen mit einer Einleitung und einer Zusammenfassung – die Dissertation ausmachen. Solche Formen der Publikationstätigkeit sind mittlerweile stark integriert in den Ablauf wissenschaftlicher Qualifikationen.“ Doch nicht nur die Form wissenschaftlicher Qualifikation, sondern auch die Fragestellungen der Forschung werden an diesen Publikationsdruck angepasst. „Man versucht halt immer auch publizierbare Pakete zu schnüren. Da die fast immer gleich groß sind, ist vielleicht manchmal der Raum, größere Fragen beantworten zu können, nicht da“, führt Sigl aus.

Der Projektcharakter wissenschaftlicher Forschung würde aber auch dazu hinleiten, nur Fragen zu stellen, die auch in einem geförderten Zeithorizont beantwortbar sind. Projekte dürften aber so gut wie nie länger als drei Jahre dauern. Forschungsinhalte orientieren sich daher nicht nur an innerwissenschaftlichen Diskursen. Sie werden zunehmend auch durch Projektförderung und Publikationsfähigkeit bestimmt.



In der Publikationsmühle

Dies bringt auch für jene, die Papers und Artikel schreiben, große Umwälzungen mit sich. Die Menge der Publikationen und die Reputation der Journals, in denen man veröffentlicht, entscheiden vor allem bei jungen Akademikern über das wissenschaftliche und finanzielle Überleben. Problematisch ist dabei nicht das Publizieren an sich, sondern die Frequenz, mit der publiziert werden soll. Dazu Lisa Sigl: „Entstanden sind diese quantitativen Qualitätskriterien eher in naturwissenschaftlichen Fächern, wo Systeme eingeführt wurden, um wissenschaftliche Leistungen zu quantifizieren und, darauf aufbauend, Förderentscheidungen zu treffen.“

Vonseiten des FWF wird darauf verwiesen, dass alle Förderentscheidungen auf qualitativen Gutachten basieren. So ganz glaubt man das in der wissenschaftlichen Community aber nicht. „Ich würde beim FWF keinen Antrag einreichen, wenn ich nicht bereits irgendwo ein oder zwei gute Artikel publiziert hätte“, sagt Sigl.



Selbstausbeutung, um zu bestehen

Leistung wird vermehrt an der Menge von Publikationen gemessen. Und die entscheidet über die Besetzung universitärer Stellen oder die Vergabe von Fördermitteln. Dies lässt den Konkurrenz-, Arbeits- und Zeitdruck weiter ansteigen.

Sigl meint dazu: „Ich glaube, dass sich die Arbeitsverhältnisse dahingehend verändern, dass die Menschen zunehmend beginnen, sich selbst auszubeuten, um im System bestehen zu können.“ Alice Vadrot merkt an, dass es für Wissenschafter natürlich großartig ist, sich in Debatten einzuklinken und überhaupt wissenschaftlich arbeiten zu können.

Doch auch sie zweifelt daran, ob dies tatsächlich alles andere aufwiegt: „Möchte ich in diesem Spiel mitspielen? Das kann heißen, sich einerseits auf diesen ganzen Publikationsirrsinn einzulassen und/oder sich ganz klar einer Schule zuzuschreiben, einer Theorie oder einer Entwicklung.“ In der außeruniversitären Forschung gehe es um Durchführung anwendungsorientierter Projekte unter zeitlichem und finanziellem Druck. Für eine theoretische Durchdringung der Themen bleibe dabei kaum Zeit.



Nicht immun gegen Dummheit

Was Vadrot aber andeutet, ist, dass sich Wissen nicht bloß durchsetzt, weil es fundierter ist. Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle, gibt Michael Arnold, Philosoph an der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung, zu bedenken: „Wissenschafter sind gegenüber der Macht nicht immun, leider nicht einmal gegen Dummheit. Aber die Wissenschaft als Institution mit ihren Disziplinen und ihrer Peer-Review hat das Ziel, Erkenntnisse zu produzieren. Sie ist an der Wahrheit interessiert – auch wenn sie in die Irre gehen sollte.“

Für Vadrot erschließen sich all diese Aspekte in dem Konzept der epistemischen Selektivität. Sie geht davon aus, dass ein spezifischer sozialer Kontext empfänglicher für spezifische Inhalte, Kommunikationsmittel oder Ausdrucksformen ist als für andere. Forscher in diesem Kontext streben danach, sich in Debatten durchzusetzen und wollen, dass ihr Wissen beachtet und auch umgesetzt wird. Dazu stellen sie mehr oder minder bewusst Überlegungen über das Funktionieren dieses Kontexts an, um darin erfolgreich handeln zu können.



Wirkung auf die Politik

Erforscht hat sie dies im Rahmen ihrer Dissertation, die sich mit der Biodiversitätsdebatte beschäftigt. Der Begriff, der erst Mitte der Achtzigerjahre entstanden ist, meint als Artenvielfalt nicht nur die Vielfalt zwischen, sondern auch jene innerhalb der Arten – genetische Vielfalt – sowie die Vielfalt der Ökosysteme. Die Erhaltung der Biodiversität gilt als entscheidende Grundlage für das Wohlergehen der menschlichen Zivilisation. Die Umsetzung der Erkenntnisse der Biodiversitätsforschung blieb aber weitgehend aus. Auch in der breiteren Öffentlichkeit wird das Thema eher als Nebenschauplatz der Klimadebatte wahrgenommen.

Die auch dort umstrittene, aber gängige Inwertsetzung von Natur, etwa in Form von CO2-Zertifikaten – kontingentierte Luftverschmutzungsrechte –, fand Nachahmer in der Biodiversitätsforschung: Man begann die Kosten des Artensterbens zu bilanzieren, denn, so Vadrot: „Man glaubt, wenn man Politikern klar macht, dass man Natur einen monetären Wert geben kann, dass sie dann eher bereit sind, Politik zu implementieren.“ Dieser Zugang, wenngleich in der Scientific Community nach wie vor umstritten, begann sich tatsächlich in der Politik durchzusetzen, wo auch die Fördergelder liegen. Damit versucht sie zu verdeutlichen, dass Forscher ein Bewusstsein dafür ausbilden, dass jene Strategien erfolgreicher seien, die an dominanten Diskursen andocken können.



Gegen gelangweilte Gesichter

Wissenschafter kommunizieren jedoch nicht nur mit sich selbst, weiß Beatrice Lugger aus ihren Seminaren. Sie ist stellvertretende wissenschaftliche Direktorin am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation in Karlsruhe. Die Auslastung des Instituts legt nahe, dass viele Wissenschafter einen gewissen Nachholbedarf sehen – der Großteil kommt aus eigener Initiative.

Viele von denen, die ihre Seminare besuchen, berichteten, dass sie bereits mit fachfremder Öffentlichkeit über ihre Arbeit gesprochen hätten, sei es mit Journalisten, mit Laien oder Kindern am Tag der offenen Tür.

In den Seminaren geht es vor allem um Grundlagen der Wissenschaftskommunikation: Schreiben, Vorträge, Interviews, Social Media. Im Fokus steht dabei die Sensibilisierung für das jeweilige Publikum: „Es wäre widersinnig, ein Seminar nur mit Fokus auf eine Zielgruppe anzubieten. Es gilt vielmehr, ganz allgemein das Bewusstsein für eine zielgruppenorientierte Kommunikation zu schärfen: Also, dass man ein und dieselbe Nachricht für unterschiedliche Zielgruppen entsprechend verpackt.“

Dies bedeutet, das Vorwissen des Publikums in der Sprachwahl zu berücksichtigen und klar und verständlich zu kommunizieren. „Gelingt das nicht, gibt es enttäuschte oder gelangweilte Gesichter“, erklärt Heinz Oberhummer, Physiker der Wissenschaftskabarettisten Science Busters: „Menschen sind oft frustriert, wenn sie populärwissenschaftliche Veranstaltungen besuchen und dann einiges nicht verstehen. Diese sind für die Wissenschaft verloren, weil sie nun überzeugt sind, es sei für sie unverständlich.“



Populärwissenschaftliche Irrtümer

Neben Klarheit in der Kommunikation gilt es aber auch zu überlegen, welches Wissen für wen relevant ist. Arnold sagt dazu: „Die Nachricht, aus der Perspektive der Wissenschaft sei etwas Wichtiges entdeckt worden, ist für niemanden außerhalb eines Forschungsinstituts interessant. Die zentrale Frage jeder Popularisierung von Wissenschaft ist: Kann die Zielgruppe mit dem Wissen etwas anfangen?“

Es gilt immer mitzudenken, welche Nachricht ein Gegenüber interessiert. „Fachkollegen begeistert etwas völlig anderes als eine junge Schülerin beim Tag der offenen Tür, die beim Forscher im Labor steht“, sagt Beatrice Lugger. Und nicht jedes Wissen eignet sich für jedes Publikum, meint Markus Arnold. Er weist darauf hin, dass Menschen aktiv Wissen suchen, wenn es für sie Relevanz hat: „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass man jede wissenschaftliche Erkenntnis populär machen kann, wenn man nur die richtige Form und das richtige Medium dafür findet. Es ist eher umgekehrt: Bürgerinitiativen zeigen, dass sich Bürger aktiv mit Forschungsergebnissen auseinandersetzen und sich das nötige Wissen aneignen, wenn ihnen klar ist, dass dieses Wissen für sie wichtig und interessant ist.“

Er betont aber auch, dass die soziale Seite des wissenschaftlichen Wissens nicht unterschätzt werden sollte. Oder, wie Martin Puntigam, Kabarettist und Conférencier der Science Busters, sagt: „Es ist wirklich erstklassiger Smalltalk-Stoff, mit dem man sich auf jeder Party wichtig machen kann, dass es nur so kracht.“

Warum das sogar mit Themen gelingt, deren Relevanz sich nicht immer sofort aufdrängt, liegt laut Puntigam an der Zusammensetzung der Busters: „Wenn ich Werner Gruber und Heinz Oberhummer überreden hätte müssen, auf die Bühne zu gehen, wäre es viel schwieriger gewesen. Aber da beide sich schon ins Rampenlicht gedrängt und nur noch jemanden gebraucht haben, der ihnen die Gesetze der Bühne beibringt und Witze zu ihren Expertisen erfindet, war es viel leichter.“



Nichts wissen heißt glauben

Puntigam lässt keinen Zweifel daran, dass der Hintergrund des Wissenschaftskabaretts nicht unernst ist: „Unser Motto, das wir Marie von Ebner-Eschenbach verdanken, verdeutlicht den Mehrwert. Es lautet: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Je mehr Menschen wissen, je leichter zugänglich und verständlich Information und Aufklärung sind, desto weniger Angst brauchen Menschen haben, desto schwieriger ist es, ihnen jeden Unsinn einzureden, sie einzuschüchtern und auszunehmen.“

Die Kommunikation von Wissenschaft dient nicht nur der Aufklärung der Menschen durch, sondern auch über Wissenschaft. Werner Gruber, Physiker bei den Science Busters, meint dazu: „Wissenschaftskommunikation, wie wir sie betreiben, kann zeigen: Wissenschaft ist kein geheimes Gebiet, in das sich nur Eingeweihte wagen dürfen, sondern sie ist für alle da. Wir alle profitieren von ihr, und schließlich wird sie ja auch von der Allgemeinheit bezahlt.“

Auch für Lugger geht es darum, den Dialog über Wissenschaft wieder in einer breiten Öffentlichkeit zu führen: „Wissenschaft prägt die Gesellschaft und insofern ist es wichtig, dass diese Gesellschaft von Anfang an grundlegenden Fragen beteiligt wird: Was wird eigentlich geforscht und was wünschen wir uns eigentliche für eine Forschung?“

Einen Beitrag dazu wird das Internet leisten, sind sich Arnold und Lugger einig. Das Netz bietet Möglichkeiten, Wissenschaft etwa über Videos anschaulich und niederschwellig zu erklären, soziale Netzwerke würde es auch erleichtern, junge Menschen zu erreichen, so Oberhummer. Als Indiz für diesen Trend kann der von der 23-jährigen Physikerin Elis Andrew betriebene Facebook-Blog „I Fucking Love Science“ gelten. Er behandelt unterschiedlichste Themen der Naturwissenschaften und hat mittlerweile mehr als 5,1 Millionen Fans.



Kommunikation braucht Können …

Was hält Wissenschafter davon ab, all die neuen Kanäle zu nutzen? Einerseits sind es fehlende Kompetenzen, wie Lugger andeutet. Wissenschaftskommunikation werde in der Ausbildung noch immer stiefmütterlich behandelt. Andererseits liegt dies aber auch im wissenschaftlichen Wertesystem begründet: Zeit, die nicht für Forschung und Publikation verwendet wird, ist verlorene Zeit – nur in Journals veröffentlichte Papers sind wertvolle Kommunikation, auf die Beteiligung an öffentlichen Debatten trifft dies daher nicht zu.

In europäischen Projekten wird Öffentlichkeitsarbeit vermehrt eingefordert. Dies funktioniert vor allem in gut budgetierten Projekten, die über Infrastrukturen und Ressourcen verfügen. Die damit oft einhergehende Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit in Form von Wissenschafts-PR löst das Problem mangelnder Kommunikation aber nicht. Arnold erklärt dies so: „Das Besondere der Wissenschafts-PR besteht darin, dass hier die Wissenschaft selbst meist gar nicht im Mittelpunkt steht, sondern eher der Name des Forschers oder – noch öfter – der Name der Forschungsinstitution bzw. des Forschungsförderers.“



… und darüber hinaus auch Zeit

Letztlich ist Wissenschaftskommunikation eine Frage vorhandener Zeitressourcen. „Überspitzt gesagt“, meint Lisa Sigl, „wenn die eigene Karriere eher davon abhängt, dass ich immer mehr und immer schneller Publikationen schreibe, dann werde ich nicht freiwillig Wissenschaftskommunikation betreiben, wenn es nicht von mir verlangt wird“. Es müsste daher darum gehen, den Arbeitsanfall der Wissenschafter so zu reduzieren, dass diese in die Lage versetzt werden, selbst Wissenschaftskommunikation betreiben zu können. Bei massivem Zeit- und Publikationsdruck ist es nur verständlich, wenn Wissenschafter davon Abstand nehmen, sich in öffentliche Debatten einzumischen.


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wissenschaftskommunikation. Wie bitte, was? (2/13)


Freitag, 26. April 2013

Ghost Whispering gegen den Cold Turkey


Wer erste Entzugserscheinungen vom ersten Wochenende des Donaufestivals bemerkt, dem verspricht der Montag im Rhiz süße Linderung. Mit Boduf Songs und Jessica Bailiff wartet der Abend gleich mit zwei Artists auf, die seit Jahren mit den Genregrenzen Katz und Maus spielen, ohne zum Chamäleon zu werden.

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BILD: Jessica Bailiff

 
Bailiff deren erstes Album "Even in Silence" bereits 1998 auf dem Chicagoer Ausnahmelabel Kranky erschien, driftet beständig zwischen Eckpfeilern Folk, Indie, Shoegaze oder auch Ambient – manche sagen auch Slowcore oder Post-Rock dazu. In ihrem Fall meint driften aber keinen aufdringlichen Eklektizismus, oder ein musikalisches Sich-Verlieren, sondern eine Suche nach einem Ausdruck, für das was sich dem Greifbaren entzieht, ihm sogar bewusst widerstrebt. 

Die musikalische Welt der Jessica Bailiff hat etwas Geisterhaftes – Sanguine (Please Say a Word) – ohne esoterisch zu werden. Ihre Arrangements wirken manchmal fast analytisch, sind dabei immer präzise. Sie tragen dieses Suchen mit und spiegeln die vielen Uneindeutigkeiten und Nunancierungen. "At the Down-turned Jagged Rim of the Sky" ist, was das betrifft, vielleicht sogar eines ihrer besten und abwechslungsreichsten Alben. 

Mit "Firefly (We Could Be Free)" findet das Album einen recht zärtlichen Abschluss und für mich zurück zu einer für Bailiff typischen Stimmungslage: wenn das Flirren der Luft an einem heißen und trockenen Sommertag langsam dem Farbenspiel des Sonnenuntergangs Platz macht, das im verwaschenen Surren der Gitarrenflächen seine akustische Entsprechung findet. Vielleicht auch einfach nur ein sehr guter Song, um dabei nach Hause- oder Wegzugehen oder einfach nur Herumzustehen und auf seine Schuhe zu starren.

Bild: bodufsongs.jpg
BILD: Boduf Songs

 Nahe am Fegefeuer
Wenn es dagegen bei Mat Sweet, aka Boduf Songs, mal heiß wird, dann nicht aufgrund sommerlicher Gefühlslagen, sondern ist eher durch sein Nahverhältnis zum Fegefeuer und vielfältig anderem Apokalyptischen. Überhaupt ist es im musikalischen Universum von Mat Sweet nur selten sonnig. Erste Indizien, dafür, warum das so ist, finden sich bereits im Opener auf Boduf Songs selbstbetiteltem Debüt: "Puke a Pitchblack Rainbow to the Sun".

Während Sweet in seinen frühen musikalischen Versuchen vor allem auf Reduktion, auf filigrane Drones, spärliche Gitarrentöne und unterschiedlichste Geräuschcollagen vertraute - und sich dabei als recht innovativ und experimentierfreudig dabei zeigte, die völlige Abwesenheit von Freude durchwegs abwechslungsreich in Szene zu setzen -, geht auf den letzten Platten immer öfter daran, stilistische Elemente seiner anderen Projekte (Postrock und Metal – Fiery The Angels Fell zum Beispiel) miteinzuweben.

Wirklich bunter ist das Werk von Mat Sweet dadurch aber nicht geworden, aber abwechslungsreicher, vielschichtiger und teilweise auch zugänglicher – different shades of black eher. Geblieben ist aber der flüsternde Gesang von Sweet, ein zentrales Element in seinem Doom-Folk Baukasten und die Thematik: Tod, Trauer, das Ende alles Lebenden und das Ankämpfen gegen das Vergehen. Das treibt gerade auf diesem Album seltsam-schöne Blüten: ein fast schon poppiger Song – elegisches Rhodes über feinem Drum-Computer - wie "Long Divider" wäre auf anderen Alben von Sweet nur schwer denkbar. Und "Song To Keep Me Still" oder das merkwürdig tröstliche "Everyone Will Let You Down In The End" gehören einfach zum Besten, was Sweet bisher geschrieben/home-produziert hat – ganz großes Schwarz-weniger-weiß Kino.

Mit etwas Glück wird das alles so intensiv wie bei Sweets letztem Besuch in Wien. Bis man das sacken hat lassen, ist es ohnedies bereits wieder Wochenende und Zeit für die zweite Dosis Donaufestival.

Boduf Songs und Jessica Bailiff live am 29.Mai im Rhiz.



Erschienen auf TheGap.at.