Mittwoch, 23. Mai 2012

Im Netz der Forschung

von Katharina Fritsch / Werner Sturmberger

Die EU will durch Rahmenprogramme wie Horizont 2020 Forschungsnetzwerke in Europa fördern. Aber fördert sie damit auch Wissenschaft und Forschung?

Die Sanierung der Staatsfinanzen und strukturelle Reformen sind notwendig, aber alleine noch nicht ausreichend, um die globale Wettbewerbsfähigkeit Europas zu gewährleisten“, liest man in einer Mitteilung der EU-Kommission zum neuen Forschungsrahmenprogramm „Horizont 2020“.



Die Zukunftshoffnung der EU: Horizont 2020

Es brauche „intelligente Investitionen, insbesondere in Forschung und Innovation“, meint die EU-Kommission, um den Lebensstandard zu halten und aktuelle Probleme wie Klimawandel, Ressourceneffizienz und Bevölkerungsalterung zu bewältigen.

Horizont 2020, das ab 2014 alle forschungsfördernden Aktivitäten der EU zusammenfassen soll, ist mit 80 Milliarden Euro dotiert und zielt darauf ab, Europas Platz in einer „neuen Weltordnung“ zu sichern. Europa leide unter einem strukturellen Innovationsrückstand und müsse wettbewerbsfähiger werden. Durch Investition in Forschung ließe sich „nachhaltiges“ und „smartes“ Wachstum erreichen. Zentrale Ressource sei dabei „Wissen“ – verstanden als technologische Innovationen, die möglichst schnell in neuen Produkten und Dienstleistungen verwertet werden sollen.



Wissensgesellschaft als Wirtschaftskonzept

Diese Idee der EU folgt der „knowledge-based economy“, einer vor allem von den USA vorangetriebene Neuorientierung der Weltwirtschaft. Dieses Paradigma wurde seit den späten Sechzigerjahren von amerikanischen Soziologen wie Robert E. Lane oder Daniel Bell propagiert.

Wissen stelle demnach die wichtigste Ressource der postindustriellen Gesellschaften dar – im Unterschied zur Industriegesellschaft, in der Arbeit, Kapital und Rohstoffe die zentralen Produktivkräfte seien. So erläutert Wolfgang Neurath, Netzwerkexperte des Wissenschaftsministeriums, die Ideen Lanes und Bells.

In den Achtzigerjahren wurde die Wissensgesellschaft vor allem von US-amerikanischen Think-Tanks zur Leitideologie erhoben, schreibt der britische Sozialwissenschafter Bob Jessop.



Netzwerke als Basis der Wissensgesellschaft

In der EU fanden diese Bestrebungen beim wegweisenden Treffen des Europäischen Rates im März 2000 in Lissabon im Leitmotto „Forschung und Innovation” ihren Ausdruck. Im kurz darauf erschienenen Dokument „Towards a European Research Area“ legte die EU-Kommission die Rahmenbedingungen für einen innovationsorientierten, europäischen Forschungsraum fest. Die Maßnahmen weisen Forschungsnetzwerken eine Schlüsselrolle zu. „Sie haben auch dazu beigetragen, dass ein richtiger Forschungsmarkt mit Akteuren entstanden ist. Die Akteure haben sich darauf spezialisiert, in diesem Markt eine Rolle zu spielen“, erklärt der Netzwerkforscher Harald Katzmair von fas.research. Das Wesen dieses neuen Wissenschafts- und Forschungsmarktes sind Netzwerke.



Multidisziplinarität für innovative Forschung

„Ohne Zusammenarbeit gibt es überhaupt keine Wissenschaft. Die Menschen haben schon vor Jahrhunderten gewusst, dass das Leben zu kurz und die Wirklichkeit zu komplex ist, um als Einzelner weit zu kommen“, erläutert Konrad Becker, Forscher, Künstler und Leiter des World-Information Institute.

Der netzwerkartige Charakter von Wissenschaft ist alt. Wissen entsteht immer aus der Zusammenarbeit verschiedener Akteure. Die veränderten Rahmenbedingungen für die Forschung führen nun aber zu einer noch stärkeren Betonung des Netzwerks und seiner Eigenschaften. Netzwerke stehen mittlerweile für Ideen, verstärkte Flexibilität, Dezentralisierung und Mobilität. Forscherinnen und Forscher sollen sich weder an räumliche noch an disziplinäre Grenzen binden.

„Trans-“ oder „Multidisziplinarität“ lauten die Begriffe hierfür. Sie stehen für all jene Methoden, die Forschungsfragen problemorientiert formulieren. Multidisziplinäre Ansätze bringen eine Kombination unterschiedlicher Disziplinen zur Problemlösung in Stellung. Transdisziplinäre Methoden haben die Überschreitung disziplinärer Grenzen zum Ziel. „Ich finde, dass diese problemorientierte Forschung schon in die richtige Richtung geht“, meint Netzwerkforscher Katzmair. „Wir sehen ein Problem – egal, ob Mathematiker, Psychologe oder Ökonom – und wir haben immer die Perspektive, bestimmte Probleme lösen bzw. besser verstehen zu können.“



Netzwerke als Formen der Wissenschaftskritik

Katja Mayer, Lektorin am Institut für Wissenschaftsforschung, betont, dass der Begriff der Forschungsnetzwerke eine Kritik an starren Hierarchien und Forschungsstrategien beinhalte. Gut funktionierende Netzwerke würden „Personen und Institutionen zusammenbringen, den Wissenstransfer verbessern, diverse Ressourcen verbinden und Jungforschern neue Wege eröffnen.“

Diese Vorteile internationaler Vernetzung führt auch Birgit Sauer an, Professorin am Institut für Politikwissenschaft Wien. Hinsichtlich politikwissenschaftlicher
Forschung seien Netzwerke wichtig, da Ähnlichkeiten und Unterschiede in Forschungsfeldern besser herausgearbeitet werden könnten. Derzeit ist sie an einem europäischen Forschungsnetzwerk von fünf EU-Mitgliedsstaaten zum Thema „Gewalt in der Schule“ beteiligt.



EU-Netzwerke fokussieren auf neue Technologien

Die Definition der EU von Wissen als zen-tralem Rohstoff der europäischen Wirtschaft führt zu einem spezifischen Verteilungsmuster des EU-Forschungsbudgets. Der Fokus liegt auf angewandter Forschung und bevorzugt Naturwissenschaften und Technik gegenüber Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften.

Diese Tendenz lässt sich auch in Österreich bei der Forschungsmittelvergabe des Wissenschaftsfonds FWF ablesen. 2011 gingen 43 Prozent der Fördergelder von rund 195 Millionen Euro an sogenannte Life Sciences (Medizin, Pharmazie, Biologie, etc.), 40 Prozent an Naturwissenschaft und Technik und die verbleibenden 17 Prozent an Geistes- und Sozialwissenschaften.

Die europäischen Rahmenprogramme sollen zur flächendeckenden Verbreitung eines netzwerkartigen Forschungsmodus beitragen. Er soll sich vor allem auf marktorientierte Wissensbereiche konzentrieren. Dass diese Konzentration auch tatsächlich stattfindet, belegen die Analysen bisheriger Forschungsrahmenprogramme von Stefano Breschi und Lucia Cusmano, Ökonomen an der Wirtschaftsuniversität Mailand. Sie stellen eine Bevorzugung technologieorientierter Forschungsnetzwerke fest.

Dabei handelt es sich vornehmlich um Kooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie, sogenannte Research Joint Ventures RJV. Österreich ist derzeit an zwei solch großen RJV beteiligt: Lifevalve und Futuresoc.

In Lifevalve, budgetiert mit 16 Millionen Euro, entwickelt die Medizinische Universität Wien gemeinsam mit Instituten in Ungarn, den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz Ersatzherzklappen für Babys aus körpereigenen Zellen.

In Futuresoc, mit 2,4 Millionen Euro dotiert, analysiert das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse die durch den Klimawandel bedingten demographischen Entwicklungen.



Forschungsnetzwerke als Beutegemeinschaft

Der Begriff des Netzwerks scheint egalitäre und dezentrale Beziehungen zu implizieren. Stimmt diese Annahme? Mit dieser Frage befasst sich die Soziale Netzwerkanalyse SNA. Sie dient zum einen der Propagierung des Begriffs Netzwerk, liefert aber auch Ansätze, um dessen Funktionieren verständlich zu machen. Ihre Wurzeln liegen in der Mathematik des 19. Jahrhunderts, als sich Vorstellungen relationaler Logik etablierten. Dieser folgend, ist die eigene Position in einem Netzwerk maßgeblich durch die Qualität, Quantität und Intensität der jeweiligen Beziehungen zu anderen Akteuren bestimmt. Die Positionen in einem Netzwerk sind daher nicht gleichrangig sondern hochgradig hierarchisch.

„Es wird eigentlich das Gegenteil von dem bewirkt, was man behauptet zu verfolgen“, sagt Konrad Becker. „Eine Dezentralisierung findet überhaupt nicht statt, genauso wenig werden schwache Akteure gestärkt. Im Wesentlichen ist es so, dass Netzwerke Verstärkungseffekte haben.“ Das heißt, wer wichtige Knoten in einem Netzwerk kon-trolliert, kann seine Machtposition leichter festigen und stetig ausbauen, entsprechend dem „the rich get richer“-Prinzip.

Im europäischen Forschungsraum hat sich eine Oligopol-Struktur herausgebildet. Stefano Breschi und Lucia Cosmano zeigen, dass die Forschungsrahmenprogramme der EU „Core Center“ oder „Cluster“ entstehen lassen. Das sind Knotenpunkte überdurchschnittlich intensiver Beziehungen der Akteure eines Netzwerks. In Europas Forschungsnetzwerken gehören dazu rund 20 bis 25 Akteure, darunter bekannte Forschungseinrichtungen wie das Karolinska Institute in Schweden oder das CNRS in Frankreich, hinter vorgehaltener Hand auch als „Beutegemeinschaft“ bezeichnet.



Forschungsnetzwerke als Speeddating-Szenarien

Teil eines Netzwerks zu sein bedeutet nicht, ein Gleicher unter Gleichen zu sein – ja nicht einmal, tatsächlich vernetzt zu sein, selbst wenn man im gleichen Projekt tätig ist. „Die Projektmitglieder eines Konsortiums gruppieren sich um einen Consortial Leader und kommunizieren wenig untereinander“, erklärt Netzwerkforscher Katzmair. Potenziell produktive Kooperationsgemeinschaften würden so zu Zweckbeziehungen verkommen. Dadurch hat sich ein gewisser Zynismus breitgemacht. „Da verfolgt jeder seine Ziele. Man trifft sich einmal zu einem Workshop, bei dem jeder seinen Beitrag vorstellt. Am Ende erstellt der Consortial Leader daraus einen Bericht.“

Darüber hinaus würde die wettbewerbsförmige Kooperation vorwiegend opportunistische Beziehungen zwischen den Akteuren hervorbringen. Kooperation entstehe nicht aus gemeinsamen wissenschaftlichen Interessen, sondern aufgrund strategischer Positionen der möglichen Partner: „Das ist wie auf Partnerbörsen. Jeder hat mit jedem schon mal kooperiert”, vergleicht Katzmair die Zusammenarbeit in Forschungsprojekten mit Speeddating-Szenarios.

Konrad Becker spricht in diesem Zusammenhang von einem merkwürdigen Vernetzungswahn vonseiten der Politik: „Die blinde Wut der Förderer zu erzwungener Mobilität und Netzwerkbildung führt nur dazu, dass Flugzeugsessel ein bisschen mehr abgenützt werden.“ Abseits von „Forschungssupertankern“ existieren gerade in der außeruniversitären Forschung Kooperationen schon lange, werden aber von der Politik kaum wahrgenommen. Sie funktionieren dezentral und mit geringem Aufwand, da sie sich moderner Kommunikationstechnologien bedienen, erklärt Becker.

Die Rhetorik der Forschungsnetzwerke wird ihrer Realität nicht gerecht. Vorstellungen von Mobilität, Flexibilität und Innovation in der Wissenschaft erzeugen einen Netzwerk-Jargon, der den tatsächlichen Verhältnissen kaum entspricht. Sie seien vornehmlich von einer Bürokratisierung und Ökonomisierung von Forschung und damit verbundenen Ideen von Qualität und Effizienz geprägt. Becker: „Diese Vorstellungen produzieren aber häufig das Gegenteil von dem, was sie vorgeben zu leisten. Da nehmen Wissenschafter oft extreme Anstrengungen auf sich, um durch die vermeintlichen Effizienz-Reifen zu springen, und daneben bleibt dann die Arbeit liegen.“



Behindern Forschungsrahmenprogramme die Forschung?

Als grundlegendes Problem gilt die Ausschreibungspolitik der Rahmenprogramme. Diese sei kurzfristig und projektbezogen und orientiere sich an der Overhead-Finanzierung. Die Förderung von Infrastruktur, Personen und Netzwerken wird damit nicht erreicht. „Von der Overhead-Finanzierung profitieren vor allem Akteure, die bereits über Infrastruktur verfügen“, erklärt Katzmair. „Außerdem Projekte, die innerhalb kurzer Zyklen umgesetzt werden können.“

Das erschwere die Förderung der Grundlagenforschung und begünstige anwendungsorientierte Forschung. Sie ist auch mit der in „Horizont 2020“ vermehrt angestrebten Einbindung privater Drittmittel besser vereinbar. Die Unabhängigkeit der Forschung von privaten Geldgebern wird dadurch geschwächt, die private Aneignung von Forschungsergebnissen etwa in Form von Patenten hingegen gestärkt.

Welches Wissen relevant ist, wird durch den Ausschreibungsmodus der Brüsseler Verwaltung bereits vorweggenommen. Dadurch entstehe vor allem marktkonformes Wissen, dessen thematische Schwerpunkte sehr kurzen Konjunkturzyklen unterliegen würden. Becker: „Da wird halt jedes Jahr oder alle zwei Jahre eine neue Sau durchs Dorf getrieben.“

Die Entscheidung, welches Wissen gerade für die europäische Gesellschaft relevant sei, gestaltet sich demnach keineswegs demokratisch. Wenig demokratisch ist auch der systematische Ausschluss von jenen Akteuren, die die finanziellen, personellen und zeitlichen Ressourcen für die jeweilige Antragsstellung nicht erübrigen können.

Kleineren, meist außeruniversitären Instituten würde sukzessive der Zugang zu den Geldquellen verbaut, während große wissenschaftliche Institutionen eigene Departments allein zur Antragsstellung unterhalten. „So wächst an großen Institutionen der Speckgürtel weiter, während jene, die mit Herz und Seele ein Thema verfolgen, zusehends leer ausgehen“, sagt Becker.



Gibt es auch ein nützliches Wissen jenseits der Verwertbarkeit?

Damit auch kleine Akteure mitspielen können, bedarf es anderer Rahmenbedingungen. „Es bräuchte einen Portfolio-Ansatz“, sagt Netzwerkforscher Katzmair. „Das bedeutet, sowohl Personen wie Infrastruktur und nicht nur Projekte zu unterstützen.“

Das würde nicht nur die Beteiligung kleinerer Akteure erleichtern, sondern auch Raum für langzyklische Formen von Forschung schaffen. Katja Mayer vom Institut für Wissenschaftsforschung erkennt bereits erste Ansätze dafür auf EU-Ebene: „Man hat gelernt, dass Grundlagenforschung im Innovationsdenken nicht fehlen darf, auch wenn dies jetzt nicht unbedingt der Strategie der Forschungsnetzwerke entspricht. Man sollte auch vermehrt Projekte fördern, die keine unmittelbare Umsetzbarkeit oder direkte Verwertungslogik auszeichnet.“

Die Forschungsförderungsstrategie „Horizont 2020“ soll vornehmlich verwertbares Wissen fördern, um durch Wirtschaftswachstum Krisen begegnen zu können.



Demokratisierung des Wissens statt Informationsfeudalismus

Wenn Wirtschaftswachstum nicht die richtige oder einzige Antwort auf Krisen ist, wird auch das ihm verpflichtete Wissen kaum zur Bewältigung von Krisen beitragen können. Nimmt man diese Überlegung ernst und zieht in Betracht, dass Wachstum nicht nur Lösung, sondern auch Ursache von Krisen sein kann, wäre wohl auch Wissen nützlich, das nicht nur in Wirtschaftswachstum übersetzt werden soll.

Becker plädiert für eine Redemokratisierung öffentlichen Wissens als Gegenspieler zu einem voranschreitenden privat finanzierten und privat verwerteten Informationsfeudalismus. Problematisch ist, dass die Entscheidung, welches Wissen für die gegenwärtige Situation relevant ist, durch „Horizont 2020“ büro- und nicht demokratisch beantwortet wird.

Alternative Definitionen aktueller Probleme, ihre Forschungsnetzwerke und Lösungsstrategien, werden damit ausgeblendet.



Harald Katzmair, Netzwerkforscher, fas.research: „Die Frage ist nicht, wer Potenzial hat, sondern wie man Potenzial reproduzieren kann. Es geht immer darum, wie wir unser Vermögen erneuern können.“

Konrad Becker, Leiter des World-Information Institute Wien:
„Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass Netzwerke automatisch eine Dezentralisierung mit sich bringen und Schwache stärken.“

Katja Mayer, Wissenschaftsforscherin an der Universität Wien:
„Vernetzung macht besonders da Sinn, wo man sich Infrastrukturen teilen muss, wo man gemeinsam an ihrer Entwicklung arbeiten kann.“

Birgit Sauer, Politikwissenschafterin an der Universität Wien: „Ein Problem innerhalb von Forschungsprojekten besteht im Prozess der sprachlichen und auch kulturellen Übersetzung.“


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Im Netz der Forschung (2/12)

Kooperation statt promovierende Einzelkämpfer

Die Akademie der Wissenschaften fördert DOC-teams in den Geistes- und Kulturwissenschaften.

Ich habe zwei DOC-teams betreut und was ich jeweils gut fand, war die Zusammenarbeit; das Promovieren war nicht nur Einzelkämpferdasein”, erklärt Birgit Sauer, Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien.

DOC-teams sind Teil der von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vergebenen Promotions-Stipendien. Pro Jahr gibt es 30.000 Euro für eine maximale Dauer von drei Jahren pro Doktorand – aber das Geld geht an Teams. Ein DOC-team besteht aus drei oder vier Personen, die nicht älter als 30 Jahre sein sollten, oder deren Studienabschluss nicht mehr als vier Jahre zurückliegt.

Das Ziel dieser DOC-teams ist die problemlösungsorientierte Entwicklung von disziplinübergreifenden Konzepten. Sie sollen stärker an Themen als an wissenschaftlichen Fächern ausgerichtet sein. Dabei müssen mindestens zwei Mitglieder des Teams aus unterschiedlichen Disziplinen der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften stammen.

DOC-teams stellen damit eine der wenigen Förderungsmaßnahmen in diesen Wissensbereichen dar. Die Beteiligung von Naturwissenschaftern wird explizit begrüßt. Seit 2004 wurden 22 Teams bewilligt, zwölf Projekte sind mittlerweile abgeschlossen. Knapp 60 Prozent der Stipendiaten haben im Rahmen des Projekts promoviert. Seit 2008 können aus budgetären Gründen nur mehr maximal zehn Stipendien vergeben werden, was bis zu drei DOC-teams entspricht.

„Grundsätzlich wird den Antragstellern schnell klar, wie aufwendig die Vorbereitung eines Antrags für ein DOC-team ist“, sagt Barbara Haberl, die die Stipendien der ÖAW betreut. „Schließlich müssen bis zu vier Betreuer dazu gebracht werden, das Projekt zu unterstützen.“ Da in Österreich das Angebot an Promotions-Stipendien vor allem für Geistes- und Sozialwissenschaften sehr klein ist, sind viele bereit, sich dem Bewerbungsprozess zu stellen. „Vom Konzept her ermöglichen die DOC-team-Stipendien die schönste Art wissenschaftlicher Arbeit, die ich mir vorstellen kann“, sagt Anke Schaffartzik, die gemeinsam mit Alina Brad und Christina Plank soziale und ökologische Konflikte im Kontext internationaler Biotreibstoffproduktion erforscht.

Auch Markus Wissen vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien, einer der vier Betreuer dieses DOC-teams, zeigt sich von der problemzentrierten Ausrichtung der Teams angetan: „Die DOC-teams schaffen einen Kristallisationspunkt für die Zusammenarbeit über Disziplingrenzen hinweg – auch für die Betreuer.“

Auch Birgit Sauer hat diese Kooperation als bereichernd erlebt, schränkt jedoch ein: „Drei Jahre sind einfach zu kurz.“


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Im Netz der Forschung (2/12)

Ökologie - Emissionsgeschäfte

Ein Männlein steht im Walde, um Emissionsgeschäfte zu machen. Alles, um das Klima zu schonen?

Was macht eine Gruppe von Finnen im nepalesischen Dschungel? – Sie zählen und vermessen Bäume.

Was nach dem Auftakt eines billigen Witzes klingt, hat einen möglicherweise lukrativen Hintergrund. Denn die Ergebnisse der Baumzählung werden mit LiDAR-Daten (Light detection and ranging) verknüpft.

LiDAR funktioniert nicht wie Radar mit Radiowellen, sondern mit Licht, das Prinzip ist aber dasselbe. In diesem Fall befindet sich das System in einem Flugzeug und ist auf die Wälder darunter gerichtet. Das zurückgeworfene Licht liefert so Aufschluss über Dichte und Höhe der Bewaldung.

Die Verknüpfung beider Datenquellen wird zur Schätzung der Baumdichte jener Waldgebiete genutzt, die nur mit LiDAR und nicht zu Fuß erfasst wurden.

Die vom finnischen Unternehmen Arbonaut durchgeführte Vermessung der Wälder dient schließlich zur Schätzung der in den Wäldern gespeicherten Menge des Treibhausgases CO2. Mit REDD ließe sich diese für Nepal in bare Münze verwandeln.

Die Überlegungen zu REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) werden seit einigen Jahren als Teil der UN-Klimarahmenkonvention diskutiert. Sie sollen im Süden finanzielle Anreize für eine Reduzierung der Emissionen durch Rodungen schaffen.

Da aber nicht per se die Erhaltung von Wäldern gefördert wird, wäre es prinzipiell denkbar, natürlich gewachsene Wälder durch Plantagen zu ersetzen.

Möglich ist dies durch die schwammige Definition zentraler Begriffe wie „Forest“ oder eben „Deforestation“.

Durch die Betrachtung des in Bäumen gespeicherten CO2 als handelbare Ware werden Wälder vornehmlich als CO2-Lager thematisiert und nicht als Ökosysteme.

Die Erhaltung von Biodiversität und der Schutz der Rechte lokaler Gemeinschaften sind zweitrangig. Offen sind auch noch immer die Finanzierung und die Höhe der Zahlungen sowie der Startzeitpunkt des Programms.


Erschienen im Falter Heureka - Ausgabe: Im Netz der Forschung (2/12)

Mittwoch, 2. Mai 2012

Wie grün ist uns die Wissenschaft?

Dem Begriff „grüne Wissenschaft“ stehen Wissenschafter mit Skepsis oder Unverständnis gegenüber. Also eine gute Gelegenheit, mit ihnen darüber zu reden, um mögliche Bedeutungen auszuloten.

"Grüne Wissenschaft? Man könnte sich vieles darunter vorstellen.“ Markus Wissen, Politikwissenschafter an der Uni Wien, legt sich nicht fest. Verena Winiwarter, Dekanin der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung an der Uni Klagenfurt, präzisiert: „,Grün‘ ist keine wissenschaftsinterne Bezeichnung. Es ist eine Außenzuschreibung.“
Diese Annahme scheint auch Martin Schlatzer zu vertreten, Ernährungsökologe am Institut für Meteorologie des Departments Wasser-Atmosphäre-Umwelt an der BOKU. „Meines Wissens gibt es keine einheitliche Definition. Am ehesten würde ich es mit Nachhaltigkeit assoziieren, obwohl Nachhaltigkeit selbst nicht so präzise gefasst wird und oft zum ,green-washing‘ missbraucht wird.“

Grün ist es, wenn es nachhaltig wirkt
Eine klarere Vorstellung von grüner Wissenschaft vertritt Elisabeth Grabenweger, Pressesprecherin des Wissenschaftsministeriums. Dort werde der Begriff „als Wissenschaft und Forschung für nachhaltige Entwicklung verstanden, also thematisch sehr viele Felder betreffend. Darunter fallen zahlreiche Bemühungen von Wissenschaftern, die im Bereich der nachhaltigen Entwicklung forschen.“

Der Physiker Serdar Sariciftci, Leiter des Instituts für Organische Solarzellen an der Uni Linz, betont einen weiteren Aspekt. Der Begriff müsse nicht nur Ziel einer Forschung für eine nachhaltige Gesellschaft beinhalten, sondern auch eine angemessne Methodik: „Die Substanzen und Verfahren der Wissenschaft und Technologie der Zukunft sollten umweltfreundlicher und nachhaltiger werden.“

Obgleich „grüne Wissenschaft“ als Begriff nicht präzise gefasst ist, lässt sich eins mit Gewissheit festhalten: Die Häufigkeit, mit welcher der Begriff „Nachhaltigkeit“ beim Versuch der Beantwortung verwendet wird, legt nahe, dass dieser eine gewisse Relevanz besitzt.

In den letzten Jahren lässt sich eine Konjunktur des Begriffes erkennen. Und wie es mit Konjunkturen so ist, verringert sich ihr medialer Wert immer dann, wenn das andere K-Wort die Runde macht: nein, nicht Klima – Krise.

Die Konvergenz der Krisen
Die aktuelle Situation ist qualitativ und nicht bloß quantitativ völlig neuartig. Serdar Sariciftci spricht davon, dass wir am Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend eine Konvergenz der Krisen erleben. Ihm folgend lassen sich vier Phänomene beschreiben: Knappheit von Ressourcen und Senken, Bevölkerungswachstum und das Ende des Neoliberalismus. Als Senken versteht man (Öko-)Systeme, die der Umwelt Schadstoffe entziehen – im Falle von CO2 sind das vor allem Regenwälder, Weltmeere und Böden als primäre Aufnahmemedien der globalen Emissionen.

Die ersten beiden Phänomene beschreiben die materiellen Austauschbeziehungen der Menschen mit der Natur. Sie haben sich beginnend mit der Industrialisierung seit Beginn des 20. Jahrhunderts massiv gesteigert.

„Wir haben eine wesentlich größere Materialumsatzmenge als jemals zuvor. Das ist völlig einzigartig und gründet in der fossilen Energie“, führt Verena Winiwarter aus. Diese Energie droht uns in ihrer fossilen Form auszugehen.

Auch Markus Wissen kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: „Es sprechen alle Fakten dafür, dass wir mit einer qualitativ neuen Situation konfrontiert sind. Sowohl ressourcen- als auch senkenseitig durch den Aufstieg der Schwellenländer, aber auch durch die Tatsache, dass der Norden auf seinem industriellen Wachstumspfad voranschreitet.“

Dieser Pfad führt zunehmend nach Indien und China. Im Rahmen einer globalen Arbeitsteilung ist die Bedeutung Chinas als Industriestandort beträchtlich gewachsen. Damit steigt aber auch der globale Bedarf an Ressourcen und Senken.

Zusätzlich führt der durch die Industrialisierung geförderte Wohlstand einzelner Bevölkerungsgruppen der Schwellenländer zu einer Verbreitung „fossilistischer“ Konsummuster nach dem Zuschnitt der etablierten Industriestaaten. „Fossilistisch“ sind besonders ressourcen- und emissionsintensive Formen des Konsums: automobiler Individualverkehr, Flugreisen und hoher Fleischkonsum.

Fleischkonsum als Bedrohung
Wer weiß schon, dass Fleischproduktion besonders ressourcen- und emissionsintensiv ist? Fleisch ist ein sehr ineffizientes Nahrungsmittel, wenn man wie in der industriellen Massentierhaltung Tiere mit Getreide und nicht mit agrarischen Abfallprodukten füttert.

Für ein Kilo Fleisch benötigt man ca. drei Kilogramm Getreide, wobei ein Kilogramm Fleisch lediglich halb so viele Kalorien enthält wie eine entsprechende Menge Getreide. Mit den Kalorien, die bei der industriellen Fleischproduktion verlorengehen, könnte man hochgerechnet 3,5 Milliarden Menschen ernähren.

Martin Schlatzer führt weiter aus: „Bereits jetzt werden 40 Prozent der Weltgetreideernte verfüttert. Bei der Weltsojaernte sind es sogar 90 Prozent. Wenn die Prognosen über den steigenden Fleischkonsum eintreffen, werden wir noch mehr Getreide zur Fleischproduktion benötigen.“

Der Druck auf die Ernährungssicherung steigt mit dem wachsenden Konsum von Fleisch. Auch wenn es fraglich ist, was Ernährungssicherheit bedeutet, wenn rund eine Milliarde Menschen auf der Welt Hunger leidet.

Während die Nachfrage nach Fleisch wächst, schrumpfen gleichzeitig die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Die Gründe dafür: Klimawandel, Verschlechterung der Fruchtbarkeit der Böden, Flächennutzung durch Suburbanisierung, Anbau von Baumwolle oder von Pflanzen für die Biosprit-Produktion.

Sind wir bald zehn Milliarden?
Die Weltbevölkerung wird in Zukunft weiter wachsen. Sie hat sich im 20. Jahrhundert nahezu vervierfacht. Bis zum Jahr 2050 rechnet man mit einem Wachstum auf etwa 9,7 Milliarden Menschen. Subsahara-Afrika ist dabei eine jener Regionen, für die ein besonders hohes Bevölkerungswachstum angenommen wird. Afrika aber ist bereits jetzt von Mangelernährung betroffen. „Selbst bei einem Szenario, in dem man von einer perfekten Anpassung an den Klimawandel ausgeht, was etwa die Wahl der angebauten Sorten betrifft, werden die Ernteerträge beeinträchtigt werden“, sagt Schlatzer.

Wie sich die Situation tatsächlich entwickeln wird, ist schwierig vorherzusehen, meint Anton Huber, Chemiker am Kunststoff-Labor CePoL der TU Graz: „Natur ist kein technisches, sondern ein selbstorganisierendes System, das sich durch zunehmende Kausal-Entkopplung von der Umgebung auszeichnet.“ Eine optimistische Annahme bezüglich der Steuerungsfähigkeit des Klimas durch den Menschen kann daher als unrealistisch gelten.

Leben wir im eigenen Endzeitalter?
Wie sehr die Menschheit in ihre biologischen Grundlagen eingegriffen hat, zeigt die noch recht junge Debatte um den Begriff „Anthropozän“. Geht es nach dem US-amerikanischen Biologen Eugene Stoermer, der den Begriff prägte, und dem niederländischen Atmosphärenphysiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen, der ihn popularisierte, leben wir in einem neuen Erdzeitalter.

Bereits im Jahr 2008 befand die stratigraphische Kommission der Geological Society of London, dass hinreichend Beweise für einen erdzeitalterlichen Abschnitt vorliegen, der ohne bisherige Entsprechung sei. Das schrieb der italienische Geologe Antonio Stoppani bereits 1873. Er sprach, jedoch ohne Gehör zu finden, vom Anthropozän, von einer „neuen tellurischen Macht, die es an Kraft und Universalität mit den großen Gewalten der Natur“ aufnehmen könne.

Diese Macht ist die Spezies Mensch selbst. Wir leben nicht nur im Anthropozän, wir haben es sogar selbst erschaffen; nicht bloß als Begriff oder Konzept, sondern als faktische Realität. „Das Anthropozän anzuerkennen bedeutet, dass wir uns selbst in dem Bild, das wir uns von der Natur machen, bewusst berücksichtigen. Nun können wir, statt anzunehmen, dass wir keinen großen Einfluss auf die Natur ausüben, entscheiden, wie wir diesen gestalten“, meint Erle Ellis, Professor am Departement of Geology & Environmental System der University of Maryland.

Bruch mit der Naturbeherrschung
Damit ist ein Auftrag formuliert. Und der erste Schritt könnte der Bruch mit dem Paradigma der Naturbeherrschung sein – oder wie Verena Winiwarter sagt, mit „technologischen Fantasien von Naturbeherrschung. Wir beherrschen die Natur bei Weitem nicht so gut, wie wir das gern täten. Globale und lokale Umweltprobleme sind vor allem Ausdruck dessen, dass wir sie nicht beherrschen.“

Im Angesicht der Umweltkrise greifen technische Lösungen zu kurz. Die Stellschraube der Ressourceneffizienz allein ist ein tückisches Instrument: Effizientere Technologie führt meist zu ihrer Mehrnutzung. Diesen Rebound-Effekt beschrieb der englische Ökonom William Stanley Jevons im Jahr 1865: Er stellte fest, dass die technischen Neuerungen bei Dampfmaschinen ihren Kohleverbrauch deutlich senkten. So wurde Kohle zu einer günstigen Energiequelle, worauf der Gesamtverbrauch deutlich anstieg.

Die technologischen Neuerungen erlauben, mit weniger Ressourcen mehr Güter herzustellen. Doch diese relative Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum wurde durch Letzteres überkompensiert. Das heißt, der Verbrauch stieg an. „Allerdings hat eine absolute Entkopplung, und das ist das einzige, was zählt, nicht stattgefunden. Alle Studien weisen darauf hin, dass mehr Effizienz allein nicht ausreicht“, erklärt Wissen.

Auf Kohle folgte Erdöl, was dann?
William Stanley Jevons Befürchtung, die ihn zu seiner Studie veranlasste, nämlich der Zusammenbruch der Kohleförderung, sollte sich erst hundert Jahre später bewahrheiten. Der Grund für die Verzögerung: das Erdöl. Nun nähert sich auch die Geschichte der Erdölnutzung ihrem Schlussakt.

Eine fixe Zweitbesetzung für die Rolle des Erdöls in der globalen Ökonomie gibt es nicht, nur ein Ersatzensemble alternativer Energien. Das reicht von Biosprit, der Klimaprobleme verstärkt und vor allem den Ländern des reichen Nordens hilft, gängige Konsummuster aufrecht zu erhalten, bis hin zu Wind- oder Solarenergie.

Letztere stellen für Serdar Sariciftci das Rückgrat einer nachhaltigen Energieversorgung dar: „Die dezentrale und delokalisierte Energieversorgung mit Solarenergie und/oder Windenergie, teilweise unterstützt mit delokalisierter Geothermie, ist die vernünftige Antwort auf diese konvergierenden Krisen.“

Dass wir diese Technologien entwickeln konnten, liegt paradoxerweise an der fossilen Energie, erklärt Verena Winiwarter: „Den Innovationsfortschritt, den uns die fossile Energie liefert, werden wir in einer postfossilen Ära dafür nutzen, eine wesentlich technischere Zivilisation haben zu können. Wir werden vielleicht nicht auf alle Annehmlichkeiten, die wir jetzt haben, verzichten müssen.“

Fällt das Paradigma vom Wachstum?
Nimmt man die Definition im Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung für Nachhaltigkeit ernst, heißt dies mit den Rahmenbedingungen zu brechen, in denen der Begriff verortet ist: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Wie Markus Wissen erklärt, ist der Begriff Ausdruck des Bemühens, Entwicklung verstanden als Wachstum mit Umweltschutz zu versöhnen. Festhalten am Wachstumsparadigma steht einer nachhaltigen Entwicklung und einem umfassenden gesellschaftlichem Wandel zusehends im Weg. Ohne diesen wird jedoch ein bewusster Umgang mit der Natur, eine bewusste Gestaltung von Naturverhältnissen nicht zu haben sein.

„Man bräuchte eine sozialökologische Transformation. Da müssten Fragen gestellt werden, die in der aktuellen Debatte nicht vorkommen: die Suffizienzfrage – was brauchen wir zu einem guten Leben? Die Frage der Demokratie – wie gestalten wir die Aneignung von Natur demokratisch?“ Nur dort, wo Ressourcen nicht exklusiv zugunsten meist ökonomisch mächtiger Akteure verwendet werden, sei diese Aneignung auch nachhaltig.

Grün ist keine Frage der Technik
Die technischen Wissenschaften haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht, folgt man Serdar Sariciftci: „Wissenschaft und Technologie statten uns mit Instrumenten aus, aber die Anwendung dieser Instrumente wird die Gesellschaft verantworten. Falls wir als Gesellschaft eine weise und kluge Wahl treffen, wie Aristoteles schreibt, dann sind die Instrumente heute schon vorhanden.“

Das lenkt den Fokus einer grünen Wissenschaft auf geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen. Elisabeth Grabenweger erläutert dies so: „Fortschritte in der Entwicklung und im Einsatz innovativer Technologien können Krisen entschärfen. Doch wichtig ist auch Forschung zur Frage, wie die Transformation der Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit gelingen kann – sind doch gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen weitaus schwieriger zu bewirken als beispielsweise eine reine Effizienzsteigerung in technischen Prozessen.“

Weder Markt noch Staat
Wie kann die Gesellschaft angeregt werden, eine kluge Wahl zu treffen? Reichen Markt und Staat als Taktgeber einer solchen Umstrukturierung aus?

Das ist aus mehreren Gründen zweifelhaft. Der Markt ist weitgehend blind gegenüber seinen ökologischen und sozialen Grundlagen – Profitmaximierung und Ressourcenschonung schließen sich weitgehend aus.

Der Wandel des Neoliberalismus hin zu einer „green economy“ könne daher nicht als gesamtgesellschaftliche Transformation, sondern eher als selektive ökologische Modernisierung gelten, so Markus Wissen. Ebenfalls skeptisch betrachtet er die Rolle des Staates: dieser sei ja nie bloß neutraler Akteur – der Staat als Terrain würde einzelnen Akteuren bessere Chancen einräumen, ihre Interessen zu formulieren, während andere und ihre Themen praktisch völlig ausgeschlossen sind – darunter etwa auch das der Suffizienz. Sein Schluss daher: „Ich denke, dass Veränderungen sehr stark von unten ausgehen müssen, dass sie erkämpft werden müssen, statt allzu sehr auf staatliche Politik zu hoffen.“

In diesem Kontext ist auch die Rolle einer emanzipatorischen, sozialökologischen Wissenschaft angesiedelt, wie sie Markus Wissen vorschwebt: „Wissenschaft hat eine wichtige Funktion, wenn es darum geht, nachhaltige Formen des Umgangs mit Natur sichtbar zu machen, Konflikte zu untersuchen, Widersprüche von vorherrschenden Formen der Naturaneignung herauszuarbeiten und dabei auch Ansatzpunkte für emanzipatorisches Handeln zu identifizieren.“ Ähnlich Verena Winiwarter, die ihre Arbeitsweise wie folgt beschreibt: „,Meine‘ Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung steht dafür, dass man sich nicht zuerst Wissen ausdenkt und es dann transferiert, sondern dass robustes und gesellschaftlich relevantes Wissen am besten dann entsteht, wenn man diejenigen, die dieses Wissen nutzen sollen, schon an seiner Herstellung beteiligt.“

Verena Winiwarter, Uni Klagenfurt: „Es gibt genügend Ansatzpunkte für eine kluge postfossile Politik. Wir werden extrem innovativ sein müssen, wenn wir diese Transformation schaffen wollen.“

Serdar Sariciftci, Uni Linz: „Energieautonomie und Energieautarkie wird eine Demokratisierung der Energieversorgung bringen.“

Markus Wissen, Uni Wien: „Die Kriege des 21. Jahrhunderts wurden und werden um Ressourcen wie Erdöl geführt.“

Martin Schlatzer, BOKU Wien: „Unser Konsum muss sich wieder im Einklang mit der Natur befinden – das sollte selbst bei einer Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen möglich sein.“


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wie grün ist uns die Wissenschaft? (1/12)

Soziologie

Die Rückkehr der Kritik in die „marktaffirmative Begleitwissenschaft“ Soziologie.

Die Soziologie war nie eine per se kritische Wissenschaft. Ein reformerisches Ethos wohnte ihr aber bereits in der Armutsforschung der aufkommenden Industrialisierung inne. Mit den Studierendenbewegungen der Sechzigerjahre entfaltete sich ein kritischer Impetus, der es auch vermochte, die Disziplin institutionell zu verankern.

Kritische Soziologie muss Kapitalismus analysieren, um Krisen zu begreifen

Die Kritikbereitschaft der Disziplin wurde jedoch mit Mitte der Achtzigerjahre von ihren Proponenten selbst weitgehend brach liegen gelassen. Man erwarb sich zusehends den Ruf einer marktaffirmativen Begleitwissenschaft. Nun kommt es jedoch wieder zu einer vermehrten Wiederbelebung der kritischen Forschungstradition.

Das bisher deutlichste Signal kommt dabei vom Institut für Soziologie der Uni Jena. Klaus Dörre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa arbeiten an der „Rückkehr der Kritik in die Soziologie“. Einen ersten Entwurf liefern sie mit ihrem 2010 erschienenen Buch „Soziologie – Kapitalismus – Kritik“. Darin bringen sie ihre Überzeugung zum Ausdruck, eine kritische Soziologie müsse Kapitalismus analysieren, um gesellschaftliche Krisen zu begreifen.

Auch hierzulande manifestieren sich vermehrt Anzeichen einer Rückbesinnung auf die gesellschaftskritischen Aspekte der Disziplin. So wartet die Österreichische Gesellschaft für Soziologie mit zwei Sektions-Neugründungen auf: Die Sektion Soziale Ungleichheit widmet sich der Betrachtung der Verschärfung ökonomischer Ungleichheit und neuartiger Formen der Ungleichheit. Die Sektion Migrations- und Rassismusforschung dient als Plattform für die stetig wachsende Migrationsforschung und soll die „Auseinandersetzung mit Rassismus als Bestandteil einer kritischen Gesellschaftstheorie“ institutionell verankern.


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wie grün ist uns die Wissenschaft? (1/12)

Samstag, 26. November 2011

Wenn dich das Wissen schafft

von Katharina Fritsch / Werner Sturmberger

Die anstehenden Hochschulreformen in Österreich im Kontext der Wissensgesellschaft.

Universitäten müssten sich nach den “€žkontinuierlich steigenden Anforderungen in unserer Wissensgesellschaft”€œ orientieren, sagt Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. Zugleich ist von Studiengebühren, Zugangsbeschränkungen, lebenslangem Lernen, Steigerung des Humankapitals und der Autonomie der Universitäten die Rede. Im Zentrum steht der Begriff der Wissensgesellschaft.

Wissen als die neue Produktivkraft
Laut dem deutschen Vordenker des Wissensgesellschaftsbegriffs Nico Stehr sind Wissensgesellschaften keine moderne Entwicklung. So fungierten schon “€ždas religiös-gesetzliche Thorawissen”€œ in der altisraelitischen Gesellschaft und “€ždas religiös-astronomische”€œ und agrarische Wissen in der altägyptischen Gesellschaft als Organisationsprinzipien.
Der entscheidende Unterschied unserer derzeitigen Wissensgesellschaft liege “€žam unbestreitbaren Vordringen der modernen Wissenschaft und Technik in alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und Institutionen”€œ. Dieses Vordringen ist eng mit einer zentralen Wende kapitalistischer Strukturen verbunden: mit der Verschiebung von materieller zu immaterieller Arbeit.
Seit den 1980ern seien nicht mehr Industrie-, sondern WissensarbeiterInnen die für den Markt relevanten Arbeitskräfte. Marketing und Werbung werden zu zentralen Wissensindustrien, Wissen zum zentralen Machtfaktor, indem für bestimmte Produkte “€žangebrachte”€œ Sehnsüchte, Gefühle und Wertvorstellungen produziert werden. Institutionen wie Staat, Kirche oder Militär verlören an Einfluss, meint Stehr. Wissensgesellschaften hätten handlungsermächtigende und demokratisierende Auswirkungen.
Anders der britische Sozialwissenschafter Bob Jessop: Es gehe um die Verankerung neoliberaler Normen und Prinzipien der Wettbewerbsfähigkeit in Regierung, Management, Massenmedien und akademischer Welt; der Fachbegriff dafür lautet Benchmarking, worunter der Vergleich verschiedener Institutionen an der jeweils besten verstanden wird.
Wissen wird, laut dem französischen Sozialphilosophen André Gorz, immer mehr mit Sach- und Fachkenntnis verwechselt, die Unternehmen produzieren und verkaufen. Aus dem natürlichen Gemeingut Wissen entsteht eine verwertbare Ware. Wissensgesellschaften bringen enorme Umstrukturierungen bestehender Verhältnisse mit sich. Teamarbeit, flache Hierarchien, flexible Arbeitszeiten und mehr Eigenverantwortung prägen diese Veränderungsprozesse. Man ist jemand, wenn man das “€žrichtige”€œ Wissen hat und dieses “€žrichtig”€œ einsetzen kann. Die Frage, was dieses “€žrichtige, verwertbare”€œ Wissen ist, spiegelt sich in den derzeitigen Diskussionen um anstehende Hochschulreformen wider.
Hochschulen sind als Orte der Produktion von Wissen Fokalpunkt dieser Debatte. In einem Bericht des BMWF finden sich viele Versatzstücke der Wissensgesellschaft wieder; er lässt auch ahnen, in welche Richtung die Hochschulreform zielt.

Die Universität als Unternehmen
Zentral ist die Neudefinierung der Autonomie der Unis: “€žAutonomie und Wettbewerb sind (…) dann am gröߟten, wenn die Hochschulen ihre Studierenden aussuchen, ihre Mitarbeitenden frei wählen, ihre Studienangebote selbst bestimmen können und ein Wettbewerb um Finanzierungsquellen herrscht.”€œ Zugleich wird darauf hingewiesen, dass “€žwissenschaftliche Redundanzen”€œ von einer zentralen Planungsstelle vermieden werden sollen. Als oberstes Gremium dient ein aus Mitgliedern der Bundes- und Länderregierungen zusammengesetztes Gremium. Vertreter-Innen der Hochschulen sind in einem untergeordneten Gremium nur mehr mit einer koordinierenden Funktion betraut.
Die von Karlheinz Töchterle progagierte Autonomie der Unis stellt demnach nicht mehr als eine Scheinautonomie dar. Sie umfasst Studiengebühren, Studieneingangsphasen bzw. Zugangsbeschränkungen und Drittmittel. Autonom impliziert die Möglichkeit, marktorientiert im Wettbewerb mitspielen zu können, nicht aber ökonomisch, inhaltlich oder organsiatorisch unabhängig zu sein.
Die von Finanzministerin Maria Fekter angekündigte Hochschulmilliarde weist in dieselbe Richtung: Sie ist an die unternehmerische Umstrukturierung der Unis, sprich an die oben genannten Maߟnahmen, gekoppelt. So heiߟt es auf der Homepage BMWF: “€žDiese Hochschulmilliarde wird ganz klar leistungsorientiert und nach den Kriterien von Effizienz und Wirkung vergeben werden.”€?
Das betrifft auch die angedachte Studienplatzfinanzierung: Für die Ausbildungskosten von Studierenden wird ein Durchschnittswert berechnet, der abhängig von der Studienrichtung verschieden multipliziert wird. Der Fokus liegt dabei auf den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Die Sozial- und Geisteswissenschaften bleiben unterfinanziert. In der Logik des Modells würde ihnen aufgrund der schlechten Betreuungslage mehr Finanzierung zustehen. Es ist jedoch absehbar, dass den Mängeln wohl mit Zugangsbeschränkungen begegnet werden wird.
Im Bericht des BMWF wird empfohlen, den Zugang zur Universität “€ždifferenziert”€œ zu gestalten, und zwar bevor Studierende die Studieneingangsphase absolvieren, denn: “€žInsbesondere in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Massenfächern erweist sich das Fehlen von Zulassungsregeln als ein schlechtes Geschäft für das Individuum und die Gesellschaft.”€œ Zulassungsregeln würden zu kürzeren Studienzeiten führen, die Studierenden könnten so früher “€žordentlichen Erwerbarbeitsverhältnissen”€œ nachgehen. Die Empfehlungen des Berichts gehen dabei an der Lebensrealität der AbsolventInnen und Studierenden vorbei. Sie konterkarieren die Forderungen der uni.brennt-Bewegung nach freier, emanzipatorischer Bildung und demokratischer Mitbestimmung.

Ein Blick in den Uni-Alltag
Die Bachelor-Master-Umstellung brachte eine erhebliche Verschulung des Studienalltags mit sich. Studierende sind einem verstärktem Leistungs- und Zeitdruck unterworfen. Die Studierenden-Sozialerhebung 2009 im Auftrag des BMWF ergab, dass 61 Prozent der Studierenden nebenerwerbstätig sind. Hinzu kommen oft weitere Tätigkeiten wie un- oder unterbezahlte Praktika. Die Uni wird immer mehr zur Schule fürs Erwerbsarbeitsleben: für zeitlich befristete, projektbezogene Arbeitsverhältnisse.
Vor allem unter Sozial- und GeisteswissenschafterInnen sind prekäre Arbeitsverhältnisse verbreitet. Am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien bestreiten externe Lehrende 70 Prozent der Lehre. Sie werden dafür knapp über der Geringfügigkeitsgrenze entlohnt und erhalten meistens keine fixen Arbeitsverträge.
“€žTatsächlich ist das Unterrichten an der Uni ein Hobby, das es zu finanzieren gilt”€œ, sagt Mario Becksteiner, Vorstandsmitglied der IG-Lehrenden. “€žMan muss anderweitig Geld verdienen, um sich das Lehren leisten zu können. Viele talentierte Lehrende scheiden daher aus dem Unibetrieb aus.”€œ Becksteiner selbst unterrichtet aus diesen Gründen dieses Semester nicht an der Uni.
Diese Verhältnisse wurden bereits während der Uni-Proteste 1996 thematisiert. Damals formierte sich die nunmehrige IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen. Sie vertritt die Interessen wissenschaftlich Tätiger, deren Arbeitsverhältnisse als prekarisiert zu bezeichnen sind.
In der zum 15-jährigen Bestehen veröffentlichten Broschüre “€žWissensarbeit: Prekär: Organisiert”€œ wird nun der Begriff Wissensarbeit im Spannungsfeld zwischen dem Idealbild von Wissenschaft und der Selbstausbeutung in realen, prekären Arbeitsverhältnissen diskutiert.
Offen bleibt, auf welche Widerstände die angestrebte Hochschulreform treffen wird. Weltweit gibt es Protestbewegungen gegen die ß–konomisierung der Bildung. Im Zentrum der Proteste steht die Frage, was Wissen beinhaltet, wem es zugute kommen und inwiefern es verwertbar sein soll.


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wir sind Klimawandel! (4/11)

Mittwoch, 23. November 2011

Wie steht es mit der Arbeit?

von Katharina Fritsch / Werner Sturmberger

Die Arbeit hat sich verändert, verschwunden ist sie auf keinen Fall. Trotz verstärkten technologischen Fortschritts arbeiten wir mehr denn je.

"Mit 65 wieder arbeiten und das bei McDonald's? Aber es macht mir so viel Spaߟ!” Die derzeitige McDonald's-Werbung verspricht Karriere-, Ausbildungs- und Weiterbildungschancen für alle, egal ob Lehrling, Studentin oder Pensionistin. Arbeit soll Spaߟ machen, Frau und Mann sollen sich mit ihr identifizieren. Anders als bei den Flieߟbandarbeiterinnen der Sechzigerjahre wird Arbeit heute immer mehr mit Selbstverwirklichung gleichgesetzt.

Arbeit aus gesellschaftlicher und persönlicher Perspektive
Arbeit ist ein ambivalenter Begriff. Als solcher deckt er viele Bereiche ab, reicht von Erwerbs- bis hin zu Beziehungs-, Bildungs- oder Trauerarbeit, hat ethische, philosophische, wirtschaftliche und soziologische Dimensionen und ist gespalten zwischen körperlichem ßœberleben und Sinnstiftung.
Generell bezeichnet Arbeit eine körperliche, geistige und nicht zuletzt soziale Tätigkeit. Der Arbeitspsychologe Theo Wehner von der ETH Zürich sagt: “€žDas Tätigsein, das Tun ist das Entscheidende in der Arbeit, und das verlieren so viele, da sie immer mehr zum Interaktionspartner zwischen Mensch und Computer werden und immer reduzierter in der Aktion zwischen Menschen.”€œ Arbeit bildet das funktionale Gerüst der Gesellschaft und zunehmend auch die alleinige Grundlage des Selbstwertgefühls. Sie bedeutet in einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive nichts anderes als die Reproduktion von Gesellschaft. Aus individueller Sicht betrachtet, ist sie die Veränderung von Lebenschancen durch deren beständige Realisierung.

Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit
Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit sind dabei die beiden zentralen Instanzen, die das gesellschaftliche ßœberleben sichern. Während letztgenannte Variante noch immer vor allem von Frauen und weitgehend unbezahlt geleistet wird, ist Erwerbsarbeit jene Form, die unseren Alltag strukturiert. Sie tut dies unabhängig davon, ob wir selbst Erwerbsarbeit verrichten oder nicht: Denn sie definiert Arbeits- und Erholungsphasen, nach denen es alle anderen Lebensbereiche auszurichten gilt. Nicht bloߟ Tagesabläufe, auch die einzelnen Lebensabschnitte sind an ihr orientiert “€“ beginnend mit der schulischen Primärbildung bis zum Ausscheiden aus der Erwerbsarbeit mit der Pensionierung.
“€žSie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daߟ wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen”€œ, schrieb Friedrich Engels.
Mit der bürgerlichen Gesellschaft wurde die individuelle Leistung immer mehr zur tragenden Säule des Sozialstatus und minderte die Bedeutung von Familie und Herkunft. Auch auf persönlicher Ebene entscheidet Erwerbsarbeit über Chancen der sozialen Teilhabe und Selbstwertgefühl. Dies umso umfassender, je mehr vor allem Erwerbsarbeit mit Selbstverwirklichung in Verbindung gebracht und damit positiv bewertet wird.
Dies war sie jedoch lange Zeit nicht, sondern das, was den Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies erwartete: “€žIm Schweiߟe deines Angesichts sollst du dein Brot essen.”€œ (Moses, 3.19) “€“ Arbeit als ein beständiger Kampf ums ßœberleben, als Mühsal und Qual. Diese Bedeutung haftete ihr über die Antike bis hin zum Mittelalter an.
Im Zeitalter der Reformation erfuhr sie in der protestantischen Ethik eine positive Umdeutung als allgemein verbindliches Arbeitsethos. Dies ging so weit, dass Hegel und Marx zur Zeit der aufkeimenden Industrialisierung in diesem bereits die Bestimmung des Menschen zu erkennen meinten. Während Arbeit für Hegel der Weg zur Freiheit des Menschen war, schrieb Marx, dass die Arbeit immer gesellschaftlichen Zwängen unterworfen bleibt. Sie führe eben nicht notwendigerweise zu Freiheit, sondern zur Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit. Das Produkt der Arbeit gehöre nicht den Arbeitenden und die Beziehungen der Menschen würden kommerzialisiert. Die Arbeitsteilung würde die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Arbeit verdecken und führe vor allem in der Hochphase der Industrialisierung zu einer enormen Effizienzsteigerung, aber eben auch zu atomisierten Einzeltätigkeiten, die eine ganzheitliche Sinnerfahrung völlig konterkarieren. Gerade dieser Aspekt der Entfremdung wurde im Fordismus stark kritisiert.

Der Weg durch die Arbeit zum modernen Wohlfahrtsstaat
“€žPostfordimus”€œ, “€žnew economy”€œ, “€žwissensbasierte Gesellschaft”€œ “€“ alles Begriffe, die die Veränderungen des Wirtschaftssystems seit den Siebzigerjahren im Westen zu erfassen versuchen. Die Referenz dazu stellt das fordistische System dar, welches sich mit den USA als Ausgangsort seit den Zwanzigerjahren und insbesondere nach dem New Deal herausbildete.
Alain Liepitz, französischer ß–konom, führt drei zentrale Merkmale des fordistischen Systems an: Tayloristische Arbeitsorganisation “€“ auf der Basis wissenschaftlicher Studien sollten Arbeitsprozesse durch klare Arbeitsteilung und strikte Organisierung optimiert werden; institutionelle Kompromisse zur Aufteilung von Produktivitätszuwächsen zwischen Arbeit und Kapital “€“ in ß–sterreich als Sozialpartnerschaft bekannt “€“, und wohlfahrtsstaatliche Absicherung, die die Teilnahme aller am Markt ermöglicht.
“€žGute Arbeit, soziale Absicherung und Teilhabe an der Konsumgesellschaft “€“ für die meisten Menschen in Westeuropa war dies die Errungenschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts”€?, beschreibt Andreas Novy, Wirtschafts- und Sozialwissenschafter an der WU Wien, diese wirtschaftliche und politische Epoche.
Massenkonsum und Massenproduktion wurden aneinander gekoppelt, das wirtschaftliche Wohl einer Gesellschaft war vom produktiven Wachstum und der Beschäftigung abhängig. So entstand der keynesianische, westlich geprägte Wohlfahrtsstaat.

Von der Krise zur Hoffnung auf Selbstverwirklichung und ins Casino
Doch in den Siebzigerjahren geriet das fordistische System in eine Krise. Ein Grund dafür war die verschärfte Konkurrenz der USA mit Westeuropa, das in den Sechzigerjahren die fordistische Umstrukturierung des Arbeitsprozesses und der Konsumformen inkorporierte.
Dies veranlasste die USA zu einer erneuten Umstrukturierung ihrer Industrie, die Bob Jessop, britischer ß–konom, Soziologe und Politologe als “€žwissenbasierte ß–konomie”€œ beschreibt. Informationstechnologien wurden zum zentralen wirtschaftlichen Motor, Wissen zum primären Produktionsfaktor.
Manuel Castells, spanischer Soziologie, hält für diesen Prozess Folgendes fest: “€žIn einem circulus virtuosus interagieren die Wissensgrundlagen der Technologie und die Anwendung der Technologie miteinander zur Verbesserung der Wissensproduktion und Informationsverarbeitung.”€œ
Diese ist auch als Reaktion auf fehlende technische Abstimmung der Produktionsprozesse, die zu sinkenden Produktivitätsgewinnen und starker Verschuldung der Unternehmen führte, zu betrachten. Das Schichtarbeitsmodell war an seine Grenzen gestoߟen, und tayloristische Prinzipien wie die Flieߟbandarbeit führten zu Widerständen innerhalb der Belegschaften. Arbeit sollte mehr mit Selbstverwirklichung verbunden werden, war eine wichtige Forderung der 68er-Bewegung, welche im postfordistischen System jedoch zugunsten des Kapitals aufgenommen wurde.
Elektronisierung und Automatisierung industrieller Produktionsprozesse schufen die Möglichkeit einer flexibilisierten Produktion, die eine Entkoppelung der Produktion vom Massenkonsum mit sich brachte. Dies führte zu gewaltigen ökonomischen Umwälzungen. Vor allem die USA verzeichneten eine Phase starker ßœberakkumulation, die Kapazitäten der Produktion überstiegen jene der Nachfrage. Dies resultierte in den USA und in Groߟbritannien in einer deutlichen De-Industrialisierung und einer Stärkung der Finanzmärkte. ßœberschüssiges Kapital wurde auf die Weltfinanzmärkte verlagert, das Weltwährungssystem liberalisiert. Der “€žCasino-Kapitalismus”€? war geboren.

De-Industialisierung? Nicht in Deutschland und Ö–sterreich
Die De-Industrialisierung nahm in Japan, Deutschland und ß–sterreich dagegen den Charakter einer Umstrukturierung an. Alle drei Länder verfügen nach wie vor über starke exportorientierte Industrien.
Ein Viertel der österreichischen Erwerbstätigen arbeitet weiterhin in diesem Sektor. Seit dem EU-Beitritt ist lediglich der Anteil der Erwerbstätigen im primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft, Bergbau) zugunsten von Industrie und Dienstleistungen leicht gesunken. Die Anteile der drei Sektoren am BIP sind dagegen weitgehend stabil geblieben.
Was sich jedoch verändert hat, ist die Anzahl der Erwerbstätigen: Waren 1985 in ß–sterreich knapp 3,2 Millionen Menschen erwerbstätig, sind dies nunmehr etwa mehr als 4,1 Millionen.
Industrielle Arbeit sei nicht einfach verschwunden, sondern verlagert worden, erklärt Karin Steiner, Geschäftsführerin des Vereins abif (analyse beratung und interdisziplinäre forschung). Irgendwo müsste ja unsere Zahnbürste produziert werden.
Laut Goldman Sachs tragen die BRICS-Länder, Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, mit steigender Tendenz mittlerweile zu einem Viertel des weltweiten BIP bei. Die Auslagerung bringe eine Veränderung des klassischen Zentrum-Peripherie-Modells mit sich, meint Novy. Vormals charakteristische Merkmale der Peripherie wie flexibilisierte, informalisierte Arbeit hätten Einzug in die Metropolen gehalten.

Arbeit heute: zwischen Burn-Out und Bore-Out
Durch den Einsatz von Technologie bei der Gewinnung von Rohstoffen und in der Verarbeitung konnte eine deutliche Effizienzsteigerung erzielt werden. Dadurch ist der menschliche Arbeitsaufwand, der notwendig ist, um unser materielles ßœberleben zu sichern, deutlich gesunken. Doch entgegen diesen Tendenzen ist unsere Arbeitsbelastung gestiegen.
“€žEs gab kein Jahrzehnt, das so viel Stress am Arbeitsplatz kennt wie das letzte Jahrzehnt. Wir haben viel Technologie in der Arbeitswelt integriert, aber es ist nicht belastungsärmer geworden”€œ, erklärt Arbeitspsychologe Theo Wehner dazu. Er meint, unsere Arbeitsverhältnisse würden sich vermehrt zwischen den beiden Polen Burn-Out und Bore-Out aufgrund stupider Tätigkeiten bewegen. Jede zehnte Krankschreibung am Arbeitsplatz weise das Merkmal der Depression auf.
Dies stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen. “€žDie Bereitschaft zur Flexibilität und das Gespür für zukünftige Veränderungen müssen sich zwangsläufig auch in den Arbeitsbedingungen widerspiegeln”€œ, erklärt Helwig Aubauer, Leiter der Abteilung Arbeit und Soziales der Industriellenvereinigung.
Entwicklungen wie Corporate Social Responsability (CSR) stellen einen Ausdruck solcher Optimierungstrends des Arbeitsumfeldes zum Zwecke der Produktivitätssteigerung dar. “€žJe mehr CSR als integrierte Managementstrategie im Unternehmen verfolgt wird, desto besser erfolgt die Implementierung neuer Arbeitszeitmodelle, wird mehr auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie Rücksicht genommen, werden Programme für ältere Arbeitnehmer entwickelt und Gesundheitsprogramme für Mitarbeiter angeboten”€œ, sagt Aubauer. Hingegen warnt Peter Kampits, Alt-Dekan der Fakultät für Philosophie der Universität Wien, davor, dass gerade CSR zu einem bloߟen Etikett verkommen könne.
Das Repertoire der Maߟnahmen folgt schlussendlich auch dem Diktat der Effizienzsteigerung. Verstärkte Teamarbeit, flache und teils verschleierte Hierarchien, Netzwerkorganisationen sollen auch die Kreativität und Leistung der Mitarbeitenden steigern, meint der Soziologe Castells.

McMoments des Wissens und der Selbstverwirklichung
Im Postfordismus der Gegenwart entstehen neue Formen und Bereiche der Arbeit. Bildung und Wissen rücken vermehrt in den Mittelpunkt. Immaterielle Arbeit, Humankapital oder Wissensarbeiter sind die Stichworte dieser wissensbasierten Wirtschaft, lebenslanges Lernen und eine lernende Gesellschaft das Resultat einer sinkenden Halbwertszeit von Wissen.
Dieses verändere sich ständig, erklärt Karin Steiner: “€žWenn Sie ein Studium in vier Jahren abschlieߟen, ist das, was sie im ersten Semester gelernt haben, mitunter nicht mehr aktuell.”€œ Dies gelte nicht nur für hoch qualifizierte Bereiche wie jene der Computerbranche oder Medizin, sondern auch für sogenannte niedrigqualifizierte wie Handel, Tourismus und Gastgewerbe.
Wissen ist einer der zentralen Eckpfeiler postfordistischer Wirtschaft, Selbstverwirklichung ein anderer. Diese findet sich nun auch im Sortiment von McDonald”€™s. In der Werbung erleben die Mitarbeitenden Augenblicke bestätigender Selbstverwirklichung als “€žMcMoments”€œ: Ob zufriedene Kindergesichter oder Schichtleitung, Selbstverwirklichung scheint kein Privileg hochqualifizierter Arbeit mehr zu sein.
Das neoliberale Glücksversprechen ruht nun nicht nur auf der Säule scheinbar individualisierten Konsums, sondern baut auch auf Arbeit als Form der Selbstverwirklichung auf. Beispielsweise bieten McDonald”€™s und andere Unternehmen in Korporation mit einem zur Universität Wien gehörenden Karriereportal Studierenden die Chance, sich unentgeltlich an der Entwicklung einer Social-Media-Strategie zu beteiligen. Im Gegenzug erhalten Teilnehmende Management-Trainings und einen Eintrag mehr im Lebenslauf.

Arbeitslosigkeit, Prekarität und Sinnstiftung ohne Arbeit
So vermischen sich die vormals hervorstechenden Eigenschaften von niedrig- und hochqualifizierter Arbeit immer mehr. Während sich Menschen in niedrigqualifizierten Tätigkeiten nun auch dazu gedrängt sehen, sich in ihrem Beruf verwirklichen zu müssen, ist eine steigende Zahl von Hochqualifizierten mit prekären Arbeitsverhältnissen konfrontiert. Diese drückt sich vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie in der Kunst- und Kulturindustrie in Form unbezahlter Praktika, Projektarbeiten, Werksverträgen und befristeten Dienstverhältnissen aus.
Hochqualifizierte Arbeit in diesen Bereichen hat oftmals ihren Preis: schlecht oder unbezahlt. Vormals “€žLebensphasen abhängige Prekarität”€œ, d. h. in ßœbergangsphasen zwischen Ausbildung und Beruf, würde in manchen Bereichen zur Normalität, meint Steiner. Während prekäre Arbeitsverhältnisse im akademischen Milieu steigen, haben Akademiker dennoch immer noch mehr Chancen am Arbeitsmarkt. So liegt die Arbeitslosenrate für Pflichtschulabsolventen laut Statistik Austria im zweiten Quartal 2011 bei 8,9 Prozent, bei Akademikern nur bei 2,2 Prozent.
“€žErwerbskarrieren werden so sein, dass man immer wieder Phasen der Arbeitslosigkeit hat, die man mit Weiterbildung füllt. Wir werden länger arbeiten und möglicherweise auch neben der eigenen Pension geringfügig erwerbstätig sein müssen”€?, wirft Karin Steiner einen Blick in die nahe Zukunft.
“€žIch glaube, es ist ein ethisches Problem, hier eine Grenze zu finden, die den Antrieb, den man zur Selbstverwirklichung hat, unterscheidet von dem, wo man sich wirklich selbst ausbeutet”€œ, sagt der Philosoph Kampits. Daher sei es eine ethische Verpflichtung, Prinzipien einzuführen, die ein bestimmtes Maߟ wiederherstellen würden. Eine Reflexion des Stellenwerts der Arbeit sei notwendig.

Andreas Novy,WU Wien: “€žGute Arbeit, soziale Absicherung und Teilhabe an der Konsumgesellschaft “€“ für die meisten Menschen in Westeuropa waren dies die Errungenschaften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts “€œ
Karin Steiner, abif Wien: “€žErwerbskarrieren werden so sein, dass man immer wieder Phasen der Arbeitslosigkeit hat, die man mit Weiterbildung füllt.”€œ
Helwig Aubauer, Industriellenvereinigung: Die Bereitschaft zur Flexibilität und das Gespür für zukünftige Veränderungen müssen sich zwangsläufig auch in den Arbeitsbedingungen widerspiegeln.”


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wie steht es mit der Arbeit? (5/11)

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