Mittwoch, 2. Mai 2012

Wie grün ist uns die Wissenschaft?

Dem Begriff „grüne Wissenschaft“ stehen Wissenschafter mit Skepsis oder Unverständnis gegenüber. Also eine gute Gelegenheit, mit ihnen darüber zu reden, um mögliche Bedeutungen auszuloten.

"Grüne Wissenschaft? Man könnte sich vieles darunter vorstellen.“ Markus Wissen, Politikwissenschafter an der Uni Wien, legt sich nicht fest. Verena Winiwarter, Dekanin der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung an der Uni Klagenfurt, präzisiert: „,Grün‘ ist keine wissenschaftsinterne Bezeichnung. Es ist eine Außenzuschreibung.“
Diese Annahme scheint auch Martin Schlatzer zu vertreten, Ernährungsökologe am Institut für Meteorologie des Departments Wasser-Atmosphäre-Umwelt an der BOKU. „Meines Wissens gibt es keine einheitliche Definition. Am ehesten würde ich es mit Nachhaltigkeit assoziieren, obwohl Nachhaltigkeit selbst nicht so präzise gefasst wird und oft zum ,green-washing‘ missbraucht wird.“

Grün ist es, wenn es nachhaltig wirkt
Eine klarere Vorstellung von grüner Wissenschaft vertritt Elisabeth Grabenweger, Pressesprecherin des Wissenschaftsministeriums. Dort werde der Begriff „als Wissenschaft und Forschung für nachhaltige Entwicklung verstanden, also thematisch sehr viele Felder betreffend. Darunter fallen zahlreiche Bemühungen von Wissenschaftern, die im Bereich der nachhaltigen Entwicklung forschen.“

Der Physiker Serdar Sariciftci, Leiter des Instituts für Organische Solarzellen an der Uni Linz, betont einen weiteren Aspekt. Der Begriff müsse nicht nur Ziel einer Forschung für eine nachhaltige Gesellschaft beinhalten, sondern auch eine angemessne Methodik: „Die Substanzen und Verfahren der Wissenschaft und Technologie der Zukunft sollten umweltfreundlicher und nachhaltiger werden.“

Obgleich „grüne Wissenschaft“ als Begriff nicht präzise gefasst ist, lässt sich eins mit Gewissheit festhalten: Die Häufigkeit, mit welcher der Begriff „Nachhaltigkeit“ beim Versuch der Beantwortung verwendet wird, legt nahe, dass dieser eine gewisse Relevanz besitzt.

In den letzten Jahren lässt sich eine Konjunktur des Begriffes erkennen. Und wie es mit Konjunkturen so ist, verringert sich ihr medialer Wert immer dann, wenn das andere K-Wort die Runde macht: nein, nicht Klima – Krise.

Die Konvergenz der Krisen
Die aktuelle Situation ist qualitativ und nicht bloß quantitativ völlig neuartig. Serdar Sariciftci spricht davon, dass wir am Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend eine Konvergenz der Krisen erleben. Ihm folgend lassen sich vier Phänomene beschreiben: Knappheit von Ressourcen und Senken, Bevölkerungswachstum und das Ende des Neoliberalismus. Als Senken versteht man (Öko-)Systeme, die der Umwelt Schadstoffe entziehen – im Falle von CO2 sind das vor allem Regenwälder, Weltmeere und Böden als primäre Aufnahmemedien der globalen Emissionen.

Die ersten beiden Phänomene beschreiben die materiellen Austauschbeziehungen der Menschen mit der Natur. Sie haben sich beginnend mit der Industrialisierung seit Beginn des 20. Jahrhunderts massiv gesteigert.

„Wir haben eine wesentlich größere Materialumsatzmenge als jemals zuvor. Das ist völlig einzigartig und gründet in der fossilen Energie“, führt Verena Winiwarter aus. Diese Energie droht uns in ihrer fossilen Form auszugehen.

Auch Markus Wissen kommt zu einer ähnlichen Einschätzung: „Es sprechen alle Fakten dafür, dass wir mit einer qualitativ neuen Situation konfrontiert sind. Sowohl ressourcen- als auch senkenseitig durch den Aufstieg der Schwellenländer, aber auch durch die Tatsache, dass der Norden auf seinem industriellen Wachstumspfad voranschreitet.“

Dieser Pfad führt zunehmend nach Indien und China. Im Rahmen einer globalen Arbeitsteilung ist die Bedeutung Chinas als Industriestandort beträchtlich gewachsen. Damit steigt aber auch der globale Bedarf an Ressourcen und Senken.

Zusätzlich führt der durch die Industrialisierung geförderte Wohlstand einzelner Bevölkerungsgruppen der Schwellenländer zu einer Verbreitung „fossilistischer“ Konsummuster nach dem Zuschnitt der etablierten Industriestaaten. „Fossilistisch“ sind besonders ressourcen- und emissionsintensive Formen des Konsums: automobiler Individualverkehr, Flugreisen und hoher Fleischkonsum.

Fleischkonsum als Bedrohung
Wer weiß schon, dass Fleischproduktion besonders ressourcen- und emissionsintensiv ist? Fleisch ist ein sehr ineffizientes Nahrungsmittel, wenn man wie in der industriellen Massentierhaltung Tiere mit Getreide und nicht mit agrarischen Abfallprodukten füttert.

Für ein Kilo Fleisch benötigt man ca. drei Kilogramm Getreide, wobei ein Kilogramm Fleisch lediglich halb so viele Kalorien enthält wie eine entsprechende Menge Getreide. Mit den Kalorien, die bei der industriellen Fleischproduktion verlorengehen, könnte man hochgerechnet 3,5 Milliarden Menschen ernähren.

Martin Schlatzer führt weiter aus: „Bereits jetzt werden 40 Prozent der Weltgetreideernte verfüttert. Bei der Weltsojaernte sind es sogar 90 Prozent. Wenn die Prognosen über den steigenden Fleischkonsum eintreffen, werden wir noch mehr Getreide zur Fleischproduktion benötigen.“

Der Druck auf die Ernährungssicherung steigt mit dem wachsenden Konsum von Fleisch. Auch wenn es fraglich ist, was Ernährungssicherheit bedeutet, wenn rund eine Milliarde Menschen auf der Welt Hunger leidet.

Während die Nachfrage nach Fleisch wächst, schrumpfen gleichzeitig die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Die Gründe dafür: Klimawandel, Verschlechterung der Fruchtbarkeit der Böden, Flächennutzung durch Suburbanisierung, Anbau von Baumwolle oder von Pflanzen für die Biosprit-Produktion.

Sind wir bald zehn Milliarden?
Die Weltbevölkerung wird in Zukunft weiter wachsen. Sie hat sich im 20. Jahrhundert nahezu vervierfacht. Bis zum Jahr 2050 rechnet man mit einem Wachstum auf etwa 9,7 Milliarden Menschen. Subsahara-Afrika ist dabei eine jener Regionen, für die ein besonders hohes Bevölkerungswachstum angenommen wird. Afrika aber ist bereits jetzt von Mangelernährung betroffen. „Selbst bei einem Szenario, in dem man von einer perfekten Anpassung an den Klimawandel ausgeht, was etwa die Wahl der angebauten Sorten betrifft, werden die Ernteerträge beeinträchtigt werden“, sagt Schlatzer.

Wie sich die Situation tatsächlich entwickeln wird, ist schwierig vorherzusehen, meint Anton Huber, Chemiker am Kunststoff-Labor CePoL der TU Graz: „Natur ist kein technisches, sondern ein selbstorganisierendes System, das sich durch zunehmende Kausal-Entkopplung von der Umgebung auszeichnet.“ Eine optimistische Annahme bezüglich der Steuerungsfähigkeit des Klimas durch den Menschen kann daher als unrealistisch gelten.

Leben wir im eigenen Endzeitalter?
Wie sehr die Menschheit in ihre biologischen Grundlagen eingegriffen hat, zeigt die noch recht junge Debatte um den Begriff „Anthropozän“. Geht es nach dem US-amerikanischen Biologen Eugene Stoermer, der den Begriff prägte, und dem niederländischen Atmosphärenphysiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen, der ihn popularisierte, leben wir in einem neuen Erdzeitalter.

Bereits im Jahr 2008 befand die stratigraphische Kommission der Geological Society of London, dass hinreichend Beweise für einen erdzeitalterlichen Abschnitt vorliegen, der ohne bisherige Entsprechung sei. Das schrieb der italienische Geologe Antonio Stoppani bereits 1873. Er sprach, jedoch ohne Gehör zu finden, vom Anthropozän, von einer „neuen tellurischen Macht, die es an Kraft und Universalität mit den großen Gewalten der Natur“ aufnehmen könne.

Diese Macht ist die Spezies Mensch selbst. Wir leben nicht nur im Anthropozän, wir haben es sogar selbst erschaffen; nicht bloß als Begriff oder Konzept, sondern als faktische Realität. „Das Anthropozän anzuerkennen bedeutet, dass wir uns selbst in dem Bild, das wir uns von der Natur machen, bewusst berücksichtigen. Nun können wir, statt anzunehmen, dass wir keinen großen Einfluss auf die Natur ausüben, entscheiden, wie wir diesen gestalten“, meint Erle Ellis, Professor am Departement of Geology & Environmental System der University of Maryland.

Bruch mit der Naturbeherrschung
Damit ist ein Auftrag formuliert. Und der erste Schritt könnte der Bruch mit dem Paradigma der Naturbeherrschung sein – oder wie Verena Winiwarter sagt, mit „technologischen Fantasien von Naturbeherrschung. Wir beherrschen die Natur bei Weitem nicht so gut, wie wir das gern täten. Globale und lokale Umweltprobleme sind vor allem Ausdruck dessen, dass wir sie nicht beherrschen.“

Im Angesicht der Umweltkrise greifen technische Lösungen zu kurz. Die Stellschraube der Ressourceneffizienz allein ist ein tückisches Instrument: Effizientere Technologie führt meist zu ihrer Mehrnutzung. Diesen Rebound-Effekt beschrieb der englische Ökonom William Stanley Jevons im Jahr 1865: Er stellte fest, dass die technischen Neuerungen bei Dampfmaschinen ihren Kohleverbrauch deutlich senkten. So wurde Kohle zu einer günstigen Energiequelle, worauf der Gesamtverbrauch deutlich anstieg.

Die technologischen Neuerungen erlauben, mit weniger Ressourcen mehr Güter herzustellen. Doch diese relative Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum wurde durch Letzteres überkompensiert. Das heißt, der Verbrauch stieg an. „Allerdings hat eine absolute Entkopplung, und das ist das einzige, was zählt, nicht stattgefunden. Alle Studien weisen darauf hin, dass mehr Effizienz allein nicht ausreicht“, erklärt Wissen.

Auf Kohle folgte Erdöl, was dann?
William Stanley Jevons Befürchtung, die ihn zu seiner Studie veranlasste, nämlich der Zusammenbruch der Kohleförderung, sollte sich erst hundert Jahre später bewahrheiten. Der Grund für die Verzögerung: das Erdöl. Nun nähert sich auch die Geschichte der Erdölnutzung ihrem Schlussakt.

Eine fixe Zweitbesetzung für die Rolle des Erdöls in der globalen Ökonomie gibt es nicht, nur ein Ersatzensemble alternativer Energien. Das reicht von Biosprit, der Klimaprobleme verstärkt und vor allem den Ländern des reichen Nordens hilft, gängige Konsummuster aufrecht zu erhalten, bis hin zu Wind- oder Solarenergie.

Letztere stellen für Serdar Sariciftci das Rückgrat einer nachhaltigen Energieversorgung dar: „Die dezentrale und delokalisierte Energieversorgung mit Solarenergie und/oder Windenergie, teilweise unterstützt mit delokalisierter Geothermie, ist die vernünftige Antwort auf diese konvergierenden Krisen.“

Dass wir diese Technologien entwickeln konnten, liegt paradoxerweise an der fossilen Energie, erklärt Verena Winiwarter: „Den Innovationsfortschritt, den uns die fossile Energie liefert, werden wir in einer postfossilen Ära dafür nutzen, eine wesentlich technischere Zivilisation haben zu können. Wir werden vielleicht nicht auf alle Annehmlichkeiten, die wir jetzt haben, verzichten müssen.“

Fällt das Paradigma vom Wachstum?
Nimmt man die Definition im Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung für Nachhaltigkeit ernst, heißt dies mit den Rahmenbedingungen zu brechen, in denen der Begriff verortet ist: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, welche die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Wie Markus Wissen erklärt, ist der Begriff Ausdruck des Bemühens, Entwicklung verstanden als Wachstum mit Umweltschutz zu versöhnen. Festhalten am Wachstumsparadigma steht einer nachhaltigen Entwicklung und einem umfassenden gesellschaftlichem Wandel zusehends im Weg. Ohne diesen wird jedoch ein bewusster Umgang mit der Natur, eine bewusste Gestaltung von Naturverhältnissen nicht zu haben sein.

„Man bräuchte eine sozialökologische Transformation. Da müssten Fragen gestellt werden, die in der aktuellen Debatte nicht vorkommen: die Suffizienzfrage – was brauchen wir zu einem guten Leben? Die Frage der Demokratie – wie gestalten wir die Aneignung von Natur demokratisch?“ Nur dort, wo Ressourcen nicht exklusiv zugunsten meist ökonomisch mächtiger Akteure verwendet werden, sei diese Aneignung auch nachhaltig.

Grün ist keine Frage der Technik
Die technischen Wissenschaften haben ihre Hausaufgaben bereits gemacht, folgt man Serdar Sariciftci: „Wissenschaft und Technologie statten uns mit Instrumenten aus, aber die Anwendung dieser Instrumente wird die Gesellschaft verantworten. Falls wir als Gesellschaft eine weise und kluge Wahl treffen, wie Aristoteles schreibt, dann sind die Instrumente heute schon vorhanden.“

Das lenkt den Fokus einer grünen Wissenschaft auf geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen. Elisabeth Grabenweger erläutert dies so: „Fortschritte in der Entwicklung und im Einsatz innovativer Technologien können Krisen entschärfen. Doch wichtig ist auch Forschung zur Frage, wie die Transformation der Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit gelingen kann – sind doch gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen weitaus schwieriger zu bewirken als beispielsweise eine reine Effizienzsteigerung in technischen Prozessen.“

Weder Markt noch Staat
Wie kann die Gesellschaft angeregt werden, eine kluge Wahl zu treffen? Reichen Markt und Staat als Taktgeber einer solchen Umstrukturierung aus?

Das ist aus mehreren Gründen zweifelhaft. Der Markt ist weitgehend blind gegenüber seinen ökologischen und sozialen Grundlagen – Profitmaximierung und Ressourcenschonung schließen sich weitgehend aus.

Der Wandel des Neoliberalismus hin zu einer „green economy“ könne daher nicht als gesamtgesellschaftliche Transformation, sondern eher als selektive ökologische Modernisierung gelten, so Markus Wissen. Ebenfalls skeptisch betrachtet er die Rolle des Staates: dieser sei ja nie bloß neutraler Akteur – der Staat als Terrain würde einzelnen Akteuren bessere Chancen einräumen, ihre Interessen zu formulieren, während andere und ihre Themen praktisch völlig ausgeschlossen sind – darunter etwa auch das der Suffizienz. Sein Schluss daher: „Ich denke, dass Veränderungen sehr stark von unten ausgehen müssen, dass sie erkämpft werden müssen, statt allzu sehr auf staatliche Politik zu hoffen.“

In diesem Kontext ist auch die Rolle einer emanzipatorischen, sozialökologischen Wissenschaft angesiedelt, wie sie Markus Wissen vorschwebt: „Wissenschaft hat eine wichtige Funktion, wenn es darum geht, nachhaltige Formen des Umgangs mit Natur sichtbar zu machen, Konflikte zu untersuchen, Widersprüche von vorherrschenden Formen der Naturaneignung herauszuarbeiten und dabei auch Ansatzpunkte für emanzipatorisches Handeln zu identifizieren.“ Ähnlich Verena Winiwarter, die ihre Arbeitsweise wie folgt beschreibt: „,Meine‘ Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung steht dafür, dass man sich nicht zuerst Wissen ausdenkt und es dann transferiert, sondern dass robustes und gesellschaftlich relevantes Wissen am besten dann entsteht, wenn man diejenigen, die dieses Wissen nutzen sollen, schon an seiner Herstellung beteiligt.“

Verena Winiwarter, Uni Klagenfurt: „Es gibt genügend Ansatzpunkte für eine kluge postfossile Politik. Wir werden extrem innovativ sein müssen, wenn wir diese Transformation schaffen wollen.“

Serdar Sariciftci, Uni Linz: „Energieautonomie und Energieautarkie wird eine Demokratisierung der Energieversorgung bringen.“

Markus Wissen, Uni Wien: „Die Kriege des 21. Jahrhunderts wurden und werden um Ressourcen wie Erdöl geführt.“

Martin Schlatzer, BOKU Wien: „Unser Konsum muss sich wieder im Einklang mit der Natur befinden – das sollte selbst bei einer Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen möglich sein.“


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wie grün ist uns die Wissenschaft? (1/12)

Soziologie

Die Rückkehr der Kritik in die „marktaffirmative Begleitwissenschaft“ Soziologie.

Die Soziologie war nie eine per se kritische Wissenschaft. Ein reformerisches Ethos wohnte ihr aber bereits in der Armutsforschung der aufkommenden Industrialisierung inne. Mit den Studierendenbewegungen der Sechzigerjahre entfaltete sich ein kritischer Impetus, der es auch vermochte, die Disziplin institutionell zu verankern.

Kritische Soziologie muss Kapitalismus analysieren, um Krisen zu begreifen

Die Kritikbereitschaft der Disziplin wurde jedoch mit Mitte der Achtzigerjahre von ihren Proponenten selbst weitgehend brach liegen gelassen. Man erwarb sich zusehends den Ruf einer marktaffirmativen Begleitwissenschaft. Nun kommt es jedoch wieder zu einer vermehrten Wiederbelebung der kritischen Forschungstradition.

Das bisher deutlichste Signal kommt dabei vom Institut für Soziologie der Uni Jena. Klaus Dörre, Stephan Lessenich und Hartmut Rosa arbeiten an der „Rückkehr der Kritik in die Soziologie“. Einen ersten Entwurf liefern sie mit ihrem 2010 erschienenen Buch „Soziologie – Kapitalismus – Kritik“. Darin bringen sie ihre Überzeugung zum Ausdruck, eine kritische Soziologie müsse Kapitalismus analysieren, um gesellschaftliche Krisen zu begreifen.

Auch hierzulande manifestieren sich vermehrt Anzeichen einer Rückbesinnung auf die gesellschaftskritischen Aspekte der Disziplin. So wartet die Österreichische Gesellschaft für Soziologie mit zwei Sektions-Neugründungen auf: Die Sektion Soziale Ungleichheit widmet sich der Betrachtung der Verschärfung ökonomischer Ungleichheit und neuartiger Formen der Ungleichheit. Die Sektion Migrations- und Rassismusforschung dient als Plattform für die stetig wachsende Migrationsforschung und soll die „Auseinandersetzung mit Rassismus als Bestandteil einer kritischen Gesellschaftstheorie“ institutionell verankern.


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wie grün ist uns die Wissenschaft? (1/12)

Samstag, 26. November 2011

Wenn dich das Wissen schafft

von Katharina Fritsch / Werner Sturmberger

Die anstehenden Hochschulreformen in Österreich im Kontext der Wissensgesellschaft.

Universitäten müssten sich nach den “€žkontinuierlich steigenden Anforderungen in unserer Wissensgesellschaft”€œ orientieren, sagt Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle. Zugleich ist von Studiengebühren, Zugangsbeschränkungen, lebenslangem Lernen, Steigerung des Humankapitals und der Autonomie der Universitäten die Rede. Im Zentrum steht der Begriff der Wissensgesellschaft.

Wissen als die neue Produktivkraft
Laut dem deutschen Vordenker des Wissensgesellschaftsbegriffs Nico Stehr sind Wissensgesellschaften keine moderne Entwicklung. So fungierten schon “€ždas religiös-gesetzliche Thorawissen”€œ in der altisraelitischen Gesellschaft und “€ždas religiös-astronomische”€œ und agrarische Wissen in der altägyptischen Gesellschaft als Organisationsprinzipien.
Der entscheidende Unterschied unserer derzeitigen Wissensgesellschaft liege “€žam unbestreitbaren Vordringen der modernen Wissenschaft und Technik in alle gesellschaftlichen Lebensbereiche und Institutionen”€œ. Dieses Vordringen ist eng mit einer zentralen Wende kapitalistischer Strukturen verbunden: mit der Verschiebung von materieller zu immaterieller Arbeit.
Seit den 1980ern seien nicht mehr Industrie-, sondern WissensarbeiterInnen die für den Markt relevanten Arbeitskräfte. Marketing und Werbung werden zu zentralen Wissensindustrien, Wissen zum zentralen Machtfaktor, indem für bestimmte Produkte “€žangebrachte”€œ Sehnsüchte, Gefühle und Wertvorstellungen produziert werden. Institutionen wie Staat, Kirche oder Militär verlören an Einfluss, meint Stehr. Wissensgesellschaften hätten handlungsermächtigende und demokratisierende Auswirkungen.
Anders der britische Sozialwissenschafter Bob Jessop: Es gehe um die Verankerung neoliberaler Normen und Prinzipien der Wettbewerbsfähigkeit in Regierung, Management, Massenmedien und akademischer Welt; der Fachbegriff dafür lautet Benchmarking, worunter der Vergleich verschiedener Institutionen an der jeweils besten verstanden wird.
Wissen wird, laut dem französischen Sozialphilosophen André Gorz, immer mehr mit Sach- und Fachkenntnis verwechselt, die Unternehmen produzieren und verkaufen. Aus dem natürlichen Gemeingut Wissen entsteht eine verwertbare Ware. Wissensgesellschaften bringen enorme Umstrukturierungen bestehender Verhältnisse mit sich. Teamarbeit, flache Hierarchien, flexible Arbeitszeiten und mehr Eigenverantwortung prägen diese Veränderungsprozesse. Man ist jemand, wenn man das “€žrichtige”€œ Wissen hat und dieses “€žrichtig”€œ einsetzen kann. Die Frage, was dieses “€žrichtige, verwertbare”€œ Wissen ist, spiegelt sich in den derzeitigen Diskussionen um anstehende Hochschulreformen wider.
Hochschulen sind als Orte der Produktion von Wissen Fokalpunkt dieser Debatte. In einem Bericht des BMWF finden sich viele Versatzstücke der Wissensgesellschaft wieder; er lässt auch ahnen, in welche Richtung die Hochschulreform zielt.

Die Universität als Unternehmen
Zentral ist die Neudefinierung der Autonomie der Unis: “€žAutonomie und Wettbewerb sind (…) dann am gröߟten, wenn die Hochschulen ihre Studierenden aussuchen, ihre Mitarbeitenden frei wählen, ihre Studienangebote selbst bestimmen können und ein Wettbewerb um Finanzierungsquellen herrscht.”€œ Zugleich wird darauf hingewiesen, dass “€žwissenschaftliche Redundanzen”€œ von einer zentralen Planungsstelle vermieden werden sollen. Als oberstes Gremium dient ein aus Mitgliedern der Bundes- und Länderregierungen zusammengesetztes Gremium. Vertreter-Innen der Hochschulen sind in einem untergeordneten Gremium nur mehr mit einer koordinierenden Funktion betraut.
Die von Karlheinz Töchterle progagierte Autonomie der Unis stellt demnach nicht mehr als eine Scheinautonomie dar. Sie umfasst Studiengebühren, Studieneingangsphasen bzw. Zugangsbeschränkungen und Drittmittel. Autonom impliziert die Möglichkeit, marktorientiert im Wettbewerb mitspielen zu können, nicht aber ökonomisch, inhaltlich oder organsiatorisch unabhängig zu sein.
Die von Finanzministerin Maria Fekter angekündigte Hochschulmilliarde weist in dieselbe Richtung: Sie ist an die unternehmerische Umstrukturierung der Unis, sprich an die oben genannten Maߟnahmen, gekoppelt. So heiߟt es auf der Homepage BMWF: “€žDiese Hochschulmilliarde wird ganz klar leistungsorientiert und nach den Kriterien von Effizienz und Wirkung vergeben werden.”€?
Das betrifft auch die angedachte Studienplatzfinanzierung: Für die Ausbildungskosten von Studierenden wird ein Durchschnittswert berechnet, der abhängig von der Studienrichtung verschieden multipliziert wird. Der Fokus liegt dabei auf den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Die Sozial- und Geisteswissenschaften bleiben unterfinanziert. In der Logik des Modells würde ihnen aufgrund der schlechten Betreuungslage mehr Finanzierung zustehen. Es ist jedoch absehbar, dass den Mängeln wohl mit Zugangsbeschränkungen begegnet werden wird.
Im Bericht des BMWF wird empfohlen, den Zugang zur Universität “€ždifferenziert”€œ zu gestalten, und zwar bevor Studierende die Studieneingangsphase absolvieren, denn: “€žInsbesondere in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Massenfächern erweist sich das Fehlen von Zulassungsregeln als ein schlechtes Geschäft für das Individuum und die Gesellschaft.”€œ Zulassungsregeln würden zu kürzeren Studienzeiten führen, die Studierenden könnten so früher “€žordentlichen Erwerbarbeitsverhältnissen”€œ nachgehen. Die Empfehlungen des Berichts gehen dabei an der Lebensrealität der AbsolventInnen und Studierenden vorbei. Sie konterkarieren die Forderungen der uni.brennt-Bewegung nach freier, emanzipatorischer Bildung und demokratischer Mitbestimmung.

Ein Blick in den Uni-Alltag
Die Bachelor-Master-Umstellung brachte eine erhebliche Verschulung des Studienalltags mit sich. Studierende sind einem verstärktem Leistungs- und Zeitdruck unterworfen. Die Studierenden-Sozialerhebung 2009 im Auftrag des BMWF ergab, dass 61 Prozent der Studierenden nebenerwerbstätig sind. Hinzu kommen oft weitere Tätigkeiten wie un- oder unterbezahlte Praktika. Die Uni wird immer mehr zur Schule fürs Erwerbsarbeitsleben: für zeitlich befristete, projektbezogene Arbeitsverhältnisse.
Vor allem unter Sozial- und GeisteswissenschafterInnen sind prekäre Arbeitsverhältnisse verbreitet. Am Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien bestreiten externe Lehrende 70 Prozent der Lehre. Sie werden dafür knapp über der Geringfügigkeitsgrenze entlohnt und erhalten meistens keine fixen Arbeitsverträge.
“€žTatsächlich ist das Unterrichten an der Uni ein Hobby, das es zu finanzieren gilt”€œ, sagt Mario Becksteiner, Vorstandsmitglied der IG-Lehrenden. “€žMan muss anderweitig Geld verdienen, um sich das Lehren leisten zu können. Viele talentierte Lehrende scheiden daher aus dem Unibetrieb aus.”€œ Becksteiner selbst unterrichtet aus diesen Gründen dieses Semester nicht an der Uni.
Diese Verhältnisse wurden bereits während der Uni-Proteste 1996 thematisiert. Damals formierte sich die nunmehrige IG LektorInnen und WissensarbeiterInnen. Sie vertritt die Interessen wissenschaftlich Tätiger, deren Arbeitsverhältnisse als prekarisiert zu bezeichnen sind.
In der zum 15-jährigen Bestehen veröffentlichten Broschüre “€žWissensarbeit: Prekär: Organisiert”€œ wird nun der Begriff Wissensarbeit im Spannungsfeld zwischen dem Idealbild von Wissenschaft und der Selbstausbeutung in realen, prekären Arbeitsverhältnissen diskutiert.
Offen bleibt, auf welche Widerstände die angestrebte Hochschulreform treffen wird. Weltweit gibt es Protestbewegungen gegen die ß–konomisierung der Bildung. Im Zentrum der Proteste steht die Frage, was Wissen beinhaltet, wem es zugute kommen und inwiefern es verwertbar sein soll.


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wir sind Klimawandel! (4/11)

Mittwoch, 23. November 2011

Wie steht es mit der Arbeit?

von Katharina Fritsch / Werner Sturmberger

Die Arbeit hat sich verändert, verschwunden ist sie auf keinen Fall. Trotz verstärkten technologischen Fortschritts arbeiten wir mehr denn je.

"Mit 65 wieder arbeiten und das bei McDonald's? Aber es macht mir so viel Spaߟ!” Die derzeitige McDonald's-Werbung verspricht Karriere-, Ausbildungs- und Weiterbildungschancen für alle, egal ob Lehrling, Studentin oder Pensionistin. Arbeit soll Spaߟ machen, Frau und Mann sollen sich mit ihr identifizieren. Anders als bei den Flieߟbandarbeiterinnen der Sechzigerjahre wird Arbeit heute immer mehr mit Selbstverwirklichung gleichgesetzt.

Arbeit aus gesellschaftlicher und persönlicher Perspektive
Arbeit ist ein ambivalenter Begriff. Als solcher deckt er viele Bereiche ab, reicht von Erwerbs- bis hin zu Beziehungs-, Bildungs- oder Trauerarbeit, hat ethische, philosophische, wirtschaftliche und soziologische Dimensionen und ist gespalten zwischen körperlichem ßœberleben und Sinnstiftung.
Generell bezeichnet Arbeit eine körperliche, geistige und nicht zuletzt soziale Tätigkeit. Der Arbeitspsychologe Theo Wehner von der ETH Zürich sagt: “€žDas Tätigsein, das Tun ist das Entscheidende in der Arbeit, und das verlieren so viele, da sie immer mehr zum Interaktionspartner zwischen Mensch und Computer werden und immer reduzierter in der Aktion zwischen Menschen.”€œ Arbeit bildet das funktionale Gerüst der Gesellschaft und zunehmend auch die alleinige Grundlage des Selbstwertgefühls. Sie bedeutet in einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive nichts anderes als die Reproduktion von Gesellschaft. Aus individueller Sicht betrachtet, ist sie die Veränderung von Lebenschancen durch deren beständige Realisierung.

Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit
Erwerbsarbeit und Reproduktionsarbeit sind dabei die beiden zentralen Instanzen, die das gesellschaftliche ßœberleben sichern. Während letztgenannte Variante noch immer vor allem von Frauen und weitgehend unbezahlt geleistet wird, ist Erwerbsarbeit jene Form, die unseren Alltag strukturiert. Sie tut dies unabhängig davon, ob wir selbst Erwerbsarbeit verrichten oder nicht: Denn sie definiert Arbeits- und Erholungsphasen, nach denen es alle anderen Lebensbereiche auszurichten gilt. Nicht bloߟ Tagesabläufe, auch die einzelnen Lebensabschnitte sind an ihr orientiert “€“ beginnend mit der schulischen Primärbildung bis zum Ausscheiden aus der Erwerbsarbeit mit der Pensionierung.
“€žSie ist die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, daߟ wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst geschaffen”€œ, schrieb Friedrich Engels.
Mit der bürgerlichen Gesellschaft wurde die individuelle Leistung immer mehr zur tragenden Säule des Sozialstatus und minderte die Bedeutung von Familie und Herkunft. Auch auf persönlicher Ebene entscheidet Erwerbsarbeit über Chancen der sozialen Teilhabe und Selbstwertgefühl. Dies umso umfassender, je mehr vor allem Erwerbsarbeit mit Selbstverwirklichung in Verbindung gebracht und damit positiv bewertet wird.
Dies war sie jedoch lange Zeit nicht, sondern das, was den Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies erwartete: “€žIm Schweiߟe deines Angesichts sollst du dein Brot essen.”€œ (Moses, 3.19) “€“ Arbeit als ein beständiger Kampf ums ßœberleben, als Mühsal und Qual. Diese Bedeutung haftete ihr über die Antike bis hin zum Mittelalter an.
Im Zeitalter der Reformation erfuhr sie in der protestantischen Ethik eine positive Umdeutung als allgemein verbindliches Arbeitsethos. Dies ging so weit, dass Hegel und Marx zur Zeit der aufkeimenden Industrialisierung in diesem bereits die Bestimmung des Menschen zu erkennen meinten. Während Arbeit für Hegel der Weg zur Freiheit des Menschen war, schrieb Marx, dass die Arbeit immer gesellschaftlichen Zwängen unterworfen bleibt. Sie führe eben nicht notwendigerweise zu Freiheit, sondern zur Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit. Das Produkt der Arbeit gehöre nicht den Arbeitenden und die Beziehungen der Menschen würden kommerzialisiert. Die Arbeitsteilung würde die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Arbeit verdecken und führe vor allem in der Hochphase der Industrialisierung zu einer enormen Effizienzsteigerung, aber eben auch zu atomisierten Einzeltätigkeiten, die eine ganzheitliche Sinnerfahrung völlig konterkarieren. Gerade dieser Aspekt der Entfremdung wurde im Fordismus stark kritisiert.

Der Weg durch die Arbeit zum modernen Wohlfahrtsstaat
“€žPostfordimus”€œ, “€žnew economy”€œ, “€žwissensbasierte Gesellschaft”€œ “€“ alles Begriffe, die die Veränderungen des Wirtschaftssystems seit den Siebzigerjahren im Westen zu erfassen versuchen. Die Referenz dazu stellt das fordistische System dar, welches sich mit den USA als Ausgangsort seit den Zwanzigerjahren und insbesondere nach dem New Deal herausbildete.
Alain Liepitz, französischer ß–konom, führt drei zentrale Merkmale des fordistischen Systems an: Tayloristische Arbeitsorganisation “€“ auf der Basis wissenschaftlicher Studien sollten Arbeitsprozesse durch klare Arbeitsteilung und strikte Organisierung optimiert werden; institutionelle Kompromisse zur Aufteilung von Produktivitätszuwächsen zwischen Arbeit und Kapital “€“ in ß–sterreich als Sozialpartnerschaft bekannt “€“, und wohlfahrtsstaatliche Absicherung, die die Teilnahme aller am Markt ermöglicht.
“€žGute Arbeit, soziale Absicherung und Teilhabe an der Konsumgesellschaft “€“ für die meisten Menschen in Westeuropa war dies die Errungenschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts”€?, beschreibt Andreas Novy, Wirtschafts- und Sozialwissenschafter an der WU Wien, diese wirtschaftliche und politische Epoche.
Massenkonsum und Massenproduktion wurden aneinander gekoppelt, das wirtschaftliche Wohl einer Gesellschaft war vom produktiven Wachstum und der Beschäftigung abhängig. So entstand der keynesianische, westlich geprägte Wohlfahrtsstaat.

Von der Krise zur Hoffnung auf Selbstverwirklichung und ins Casino
Doch in den Siebzigerjahren geriet das fordistische System in eine Krise. Ein Grund dafür war die verschärfte Konkurrenz der USA mit Westeuropa, das in den Sechzigerjahren die fordistische Umstrukturierung des Arbeitsprozesses und der Konsumformen inkorporierte.
Dies veranlasste die USA zu einer erneuten Umstrukturierung ihrer Industrie, die Bob Jessop, britischer ß–konom, Soziologe und Politologe als “€žwissenbasierte ß–konomie”€œ beschreibt. Informationstechnologien wurden zum zentralen wirtschaftlichen Motor, Wissen zum primären Produktionsfaktor.
Manuel Castells, spanischer Soziologie, hält für diesen Prozess Folgendes fest: “€žIn einem circulus virtuosus interagieren die Wissensgrundlagen der Technologie und die Anwendung der Technologie miteinander zur Verbesserung der Wissensproduktion und Informationsverarbeitung.”€œ
Diese ist auch als Reaktion auf fehlende technische Abstimmung der Produktionsprozesse, die zu sinkenden Produktivitätsgewinnen und starker Verschuldung der Unternehmen führte, zu betrachten. Das Schichtarbeitsmodell war an seine Grenzen gestoߟen, und tayloristische Prinzipien wie die Flieߟbandarbeit führten zu Widerständen innerhalb der Belegschaften. Arbeit sollte mehr mit Selbstverwirklichung verbunden werden, war eine wichtige Forderung der 68er-Bewegung, welche im postfordistischen System jedoch zugunsten des Kapitals aufgenommen wurde.
Elektronisierung und Automatisierung industrieller Produktionsprozesse schufen die Möglichkeit einer flexibilisierten Produktion, die eine Entkoppelung der Produktion vom Massenkonsum mit sich brachte. Dies führte zu gewaltigen ökonomischen Umwälzungen. Vor allem die USA verzeichneten eine Phase starker ßœberakkumulation, die Kapazitäten der Produktion überstiegen jene der Nachfrage. Dies resultierte in den USA und in Groߟbritannien in einer deutlichen De-Industrialisierung und einer Stärkung der Finanzmärkte. ßœberschüssiges Kapital wurde auf die Weltfinanzmärkte verlagert, das Weltwährungssystem liberalisiert. Der “€žCasino-Kapitalismus”€? war geboren.

De-Industialisierung? Nicht in Deutschland und Ö–sterreich
Die De-Industrialisierung nahm in Japan, Deutschland und ß–sterreich dagegen den Charakter einer Umstrukturierung an. Alle drei Länder verfügen nach wie vor über starke exportorientierte Industrien.
Ein Viertel der österreichischen Erwerbstätigen arbeitet weiterhin in diesem Sektor. Seit dem EU-Beitritt ist lediglich der Anteil der Erwerbstätigen im primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft, Bergbau) zugunsten von Industrie und Dienstleistungen leicht gesunken. Die Anteile der drei Sektoren am BIP sind dagegen weitgehend stabil geblieben.
Was sich jedoch verändert hat, ist die Anzahl der Erwerbstätigen: Waren 1985 in ß–sterreich knapp 3,2 Millionen Menschen erwerbstätig, sind dies nunmehr etwa mehr als 4,1 Millionen.
Industrielle Arbeit sei nicht einfach verschwunden, sondern verlagert worden, erklärt Karin Steiner, Geschäftsführerin des Vereins abif (analyse beratung und interdisziplinäre forschung). Irgendwo müsste ja unsere Zahnbürste produziert werden.
Laut Goldman Sachs tragen die BRICS-Länder, Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, mit steigender Tendenz mittlerweile zu einem Viertel des weltweiten BIP bei. Die Auslagerung bringe eine Veränderung des klassischen Zentrum-Peripherie-Modells mit sich, meint Novy. Vormals charakteristische Merkmale der Peripherie wie flexibilisierte, informalisierte Arbeit hätten Einzug in die Metropolen gehalten.

Arbeit heute: zwischen Burn-Out und Bore-Out
Durch den Einsatz von Technologie bei der Gewinnung von Rohstoffen und in der Verarbeitung konnte eine deutliche Effizienzsteigerung erzielt werden. Dadurch ist der menschliche Arbeitsaufwand, der notwendig ist, um unser materielles ßœberleben zu sichern, deutlich gesunken. Doch entgegen diesen Tendenzen ist unsere Arbeitsbelastung gestiegen.
“€žEs gab kein Jahrzehnt, das so viel Stress am Arbeitsplatz kennt wie das letzte Jahrzehnt. Wir haben viel Technologie in der Arbeitswelt integriert, aber es ist nicht belastungsärmer geworden”€œ, erklärt Arbeitspsychologe Theo Wehner dazu. Er meint, unsere Arbeitsverhältnisse würden sich vermehrt zwischen den beiden Polen Burn-Out und Bore-Out aufgrund stupider Tätigkeiten bewegen. Jede zehnte Krankschreibung am Arbeitsplatz weise das Merkmal der Depression auf.
Dies stellt Unternehmen vor neue Herausforderungen. “€žDie Bereitschaft zur Flexibilität und das Gespür für zukünftige Veränderungen müssen sich zwangsläufig auch in den Arbeitsbedingungen widerspiegeln”€œ, erklärt Helwig Aubauer, Leiter der Abteilung Arbeit und Soziales der Industriellenvereinigung.
Entwicklungen wie Corporate Social Responsability (CSR) stellen einen Ausdruck solcher Optimierungstrends des Arbeitsumfeldes zum Zwecke der Produktivitätssteigerung dar. “€žJe mehr CSR als integrierte Managementstrategie im Unternehmen verfolgt wird, desto besser erfolgt die Implementierung neuer Arbeitszeitmodelle, wird mehr auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie Rücksicht genommen, werden Programme für ältere Arbeitnehmer entwickelt und Gesundheitsprogramme für Mitarbeiter angeboten”€œ, sagt Aubauer. Hingegen warnt Peter Kampits, Alt-Dekan der Fakultät für Philosophie der Universität Wien, davor, dass gerade CSR zu einem bloߟen Etikett verkommen könne.
Das Repertoire der Maߟnahmen folgt schlussendlich auch dem Diktat der Effizienzsteigerung. Verstärkte Teamarbeit, flache und teils verschleierte Hierarchien, Netzwerkorganisationen sollen auch die Kreativität und Leistung der Mitarbeitenden steigern, meint der Soziologe Castells.

McMoments des Wissens und der Selbstverwirklichung
Im Postfordismus der Gegenwart entstehen neue Formen und Bereiche der Arbeit. Bildung und Wissen rücken vermehrt in den Mittelpunkt. Immaterielle Arbeit, Humankapital oder Wissensarbeiter sind die Stichworte dieser wissensbasierten Wirtschaft, lebenslanges Lernen und eine lernende Gesellschaft das Resultat einer sinkenden Halbwertszeit von Wissen.
Dieses verändere sich ständig, erklärt Karin Steiner: “€žWenn Sie ein Studium in vier Jahren abschlieߟen, ist das, was sie im ersten Semester gelernt haben, mitunter nicht mehr aktuell.”€œ Dies gelte nicht nur für hoch qualifizierte Bereiche wie jene der Computerbranche oder Medizin, sondern auch für sogenannte niedrigqualifizierte wie Handel, Tourismus und Gastgewerbe.
Wissen ist einer der zentralen Eckpfeiler postfordistischer Wirtschaft, Selbstverwirklichung ein anderer. Diese findet sich nun auch im Sortiment von McDonald”€™s. In der Werbung erleben die Mitarbeitenden Augenblicke bestätigender Selbstverwirklichung als “€žMcMoments”€œ: Ob zufriedene Kindergesichter oder Schichtleitung, Selbstverwirklichung scheint kein Privileg hochqualifizierter Arbeit mehr zu sein.
Das neoliberale Glücksversprechen ruht nun nicht nur auf der Säule scheinbar individualisierten Konsums, sondern baut auch auf Arbeit als Form der Selbstverwirklichung auf. Beispielsweise bieten McDonald”€™s und andere Unternehmen in Korporation mit einem zur Universität Wien gehörenden Karriereportal Studierenden die Chance, sich unentgeltlich an der Entwicklung einer Social-Media-Strategie zu beteiligen. Im Gegenzug erhalten Teilnehmende Management-Trainings und einen Eintrag mehr im Lebenslauf.

Arbeitslosigkeit, Prekarität und Sinnstiftung ohne Arbeit
So vermischen sich die vormals hervorstechenden Eigenschaften von niedrig- und hochqualifizierter Arbeit immer mehr. Während sich Menschen in niedrigqualifizierten Tätigkeiten nun auch dazu gedrängt sehen, sich in ihrem Beruf verwirklichen zu müssen, ist eine steigende Zahl von Hochqualifizierten mit prekären Arbeitsverhältnissen konfrontiert. Diese drückt sich vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie in der Kunst- und Kulturindustrie in Form unbezahlter Praktika, Projektarbeiten, Werksverträgen und befristeten Dienstverhältnissen aus.
Hochqualifizierte Arbeit in diesen Bereichen hat oftmals ihren Preis: schlecht oder unbezahlt. Vormals “€žLebensphasen abhängige Prekarität”€œ, d. h. in ßœbergangsphasen zwischen Ausbildung und Beruf, würde in manchen Bereichen zur Normalität, meint Steiner. Während prekäre Arbeitsverhältnisse im akademischen Milieu steigen, haben Akademiker dennoch immer noch mehr Chancen am Arbeitsmarkt. So liegt die Arbeitslosenrate für Pflichtschulabsolventen laut Statistik Austria im zweiten Quartal 2011 bei 8,9 Prozent, bei Akademikern nur bei 2,2 Prozent.
“€žErwerbskarrieren werden so sein, dass man immer wieder Phasen der Arbeitslosigkeit hat, die man mit Weiterbildung füllt. Wir werden länger arbeiten und möglicherweise auch neben der eigenen Pension geringfügig erwerbstätig sein müssen”€?, wirft Karin Steiner einen Blick in die nahe Zukunft.
“€žIch glaube, es ist ein ethisches Problem, hier eine Grenze zu finden, die den Antrieb, den man zur Selbstverwirklichung hat, unterscheidet von dem, wo man sich wirklich selbst ausbeutet”€œ, sagt der Philosoph Kampits. Daher sei es eine ethische Verpflichtung, Prinzipien einzuführen, die ein bestimmtes Maߟ wiederherstellen würden. Eine Reflexion des Stellenwerts der Arbeit sei notwendig.

Andreas Novy,WU Wien: “€žGute Arbeit, soziale Absicherung und Teilhabe an der Konsumgesellschaft “€“ für die meisten Menschen in Westeuropa waren dies die Errungenschaften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts “€œ
Karin Steiner, abif Wien: “€žErwerbskarrieren werden so sein, dass man immer wieder Phasen der Arbeitslosigkeit hat, die man mit Weiterbildung füllt.”€œ
Helwig Aubauer, Industriellenvereinigung: Die Bereitschaft zur Flexibilität und das Gespür für zukünftige Veränderungen müssen sich zwangsläufig auch in den Arbeitsbedingungen widerspiegeln.”


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Wie steht es mit der Arbeit? (5/11)

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Grundeinkommen - ist es möglich?

Was würden wir mit unserem Leben machen wollen, wenn für unsere grundlegenden Bedürfnisse gesorgt wäre? Wenn wir nicht mehr vorrangig für die Reproduktion unserer Arbeitskraft arbeiten würden?

Die Antwort ist nur scheinbar einfach – wir hätten andere Sorgen und die wären dann wirklich herausfordernd. Wir müssten darüber nachdenken, was wir aus unserem Leben machen wollen.
Das Grundeinkommen könnte diese Situation schaffen. Gemeint ist damit ein rechtlich verbrieftes, bedingungsloses Einkommen, das jeder und jedem eine volle soziale Teilhabe ermöglicht.
In welcher Höhe oder in welcher Form es ausbezahlt werden könnte, hängt dabei von vielen Faktoren ab, etwa von inkludierten Sozialleistungen (Krankenversicherung, Bildung) und vor allem vom Willen, uns gegenseitig so viel Freiheit zuzumuten. Die im Jahr 2010 eingeführte bedarfsorientierte Mindestsicherung hat damit also rein gar nichts zu tun.

Die Konsequenzen, die sich aus der Einführung des Grundeinkommens ergeben, sind dabei nicht im Detail vorhersehbar. Reproduktionsarbeit wäre aber plötzlich auch bezahlte Arbeit.
Erwerbsarbeit würde ihre Funktion als Schibboleth der sozialen Teilhabe verlieren und somit auch als Werkzeug der Disziplinierung unnütz werden. Für jene 220.000 Menschen in Österreich, die im Moment von ihr ausgeschlossen sind, würde sie ihren Stachel verlieren. Armut wäre schlagartig ein historisches Phänomen: rund eine Million Menschen sind armutsgefährdet, knapp die Hälfte davon manifest arm.
Bereits jetzt stammen mehr als ein Drittel des Einkommens der privaten Haushalte aus der öffentlichen Hand; die Finanzierung eines Grundeinkommens ist daher kein Ding der Unmöglichkeit, sondern eine Frage des Willens.

Aber gerade der hat unter der neoliberalen Propaganda massiv gelitten – auf der kulturellen Ebene hat man uns erklärt, dass wir uns nur auf uns selbst verlassen können, auf der politischen gleich den Beweis dazu geliefert. Der Preis dieser Entsolidarisierung ist nicht absehbar, die Folgen aber spürbar.
Daniel Häni, Schweizer Vorkämpfer für das Grundeinkommen, hat gefragt, ob Menschen nach dessen Einführung weiterarbeiten würden, was neun von zehn Befragten bejahten. Acht von zehn Befragten derselben Gruppe glauben aber auch, dass die anderen Menschen dann aufhören würden zu arbeiten. Vielleicht ist das auch gut so, denn, wie Daniel Häni augenzwinkernd meint: „Mit bedingungslosem Grundeinkommen wird das Leben sowieso viel schwieriger.“


Erschienen in Falter/Heureka - Ausgabe: Wie steht es mit der Arbeit? (5/11)

Mittwoch, 22. Juni 2011

Was unser Gesetz „Behinderung“ nennt

Menschen mit besonderen Bedürfnissen wurden von der Gesetzgebung erst 1969 berücksichtigt.

Gängige Definitionen von „Behinderung“ bezeichnen diese als Zustand, der in defizitärer Weise von einer Norm abweicht und eine gewisse Dauer und Schwere überschreitet. Im Bundesgesetz über die Gleichstellung von „Menschen mit Behinderungen“ wird „Behinderung“ als „Auswirkung einer nicht nur vorübergehenden körperlichen, geistigen oder psychischen Funktionsbeeinträchtigung oder Beeinträchtigung der Sinnesfunktionen, die geeignet ist, die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu erschweren“ beschrieben.
„Die nationale Gesetzgebung erfüllt wie die der Länder bei Weitem nicht die Forderungen der UN-Konvention. Es lassen sich keine verstärkten Bemühungen beobachten, das zu ändern.“
Das österreichische Recht bietet keine einheitliche Definition: Es existieren mehr als 90 Bundes- und Landesgesetze, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen betreffen. Die Wurzeln des Rechts liegen bei Regelungen zur Rehabilitation von Kriegsversehrten und im Armen- und Fürsorgerecht – von Geburt an beeinträchtigte Personen wurden erst im Jahr 1969 in der Gesetzgebung bewusst berücksichtigt.
Einen anderen Weg verfolgt die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Sie wurde 2008 von Österreich ratifiziert. Diese rückt den Fokus weg von den Defiziten einer Person hin auf die Wechselwirkung der Fähigkeiten einer Person mit ihrem sozialen Umfeld. Sie hält als erste Konvention überhaupt ein Recht auf „Anderssein“ fest.
Demnach liegt das „Nicht-partizipieren-können nicht an der Person, sondern am Verhalten der Gesellschaft“, sagt Ursula Naue vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien. Daraus ergeben sich weitreichende Implikationen. Statt medizinische Abweichungen von einer statistischen Definition von Normalität in den Blick zu rücken, fragt dieses Modell danach, welche Barrieren die volle Teilhabe von Menschen mit besonderen Bedürfnissen verhindern.
Pflegegeld könnte so etwa nicht an psychischen oder physiologischen Defiziten, sondern an den konkreten Defiziten und Hindernissen der Umgebung – nicht vorhandene abgeflachte Gehsteigkanten oder fehlende Leitsysteme etwa – bemessen werden.
Die große Leistung dieser Konvention: Sie verzichtet auf eine explizite und somit ausgrenzende und stigmatisierende Definition. Damit markiert sie einen Bewusstseinswandel. Für Klaus Voget, Präsident des Österreichischen Zivilinvalidenverbandes, bedeutet dies, dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen über ihre Fähigkeiten, nicht über ihre Beeinträchtigungen wahrgenommen werden.
Kann die UN-Konvention das Leben von Menschen mit besonderen Bedürfnissen verbessern? Das hängt davon ab, wie schnell und in welchem Umfang sie Eingang in materielles Recht findet. Dies hat, wie Tobias Buchner vom Institut für Bildungswissenschaft kritisiert, bisher nicht stattgefunden: „Die nationale Gesetzgebung wie die der Länder erfüllt bei Weitem nicht die Forderungen der UN-Konvention. Es lassen sich keine verstärkten Bemühungen beobachten, das zu ändern.“ Einer Umsetzung stehen etwa das Fehlen eines gemeinsamen Unterrichts für Schüler mit und ohne „Behinderung“ im Weg.

Tobias Buchner, Institut für Bildungswissenschaft, Uni Wien: „Die nationale Gesetz-gebung erfüllt wie die der Länder bei Weitem nicht die Forderungen der UN-Konvention. Es lassen sich keine verstärkten Bemühungen beobachten, das zu ändern.“


Erschienen in Falter Heureka - Ausgabe: Was tut die Wissenschaft für uns? (3/11)